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Rezensionen 1/2020

Neumeier: Die Glasmenagerie in Hamburg

Das Konzept geht hervorragend auf, dank geschickt gereihter Szenen, klug gewählter Musik von Charles Ives, Philip Glass und Ned Rorem sowie einem fabelhaften Cast. Alina Cojocarus erbarmenswert hinkende Laura tanzt sich träumend in den Himmel überirdischer Verzückung hinein. Ihre nagende Sehnsucht vermag allein das zum Leben erwachte Einhorn zu stillen, das zu ihrer Glasmenagerie gehört. Eine perfekte Wunschfantasie, die Sterbliche unweigerlich enttäuschen müssen: So eben auch der sportive Jim alias Christopher Evans, der das Mädchen betört, bevor er alle Heiratshoffnungen zerstört. Was niemanden härter trifft als Mutter Amanda, von Patricia Friza virtuos als abgehalfterte Südstaatenschönheit porträtiert. Zwischen dem ersten Auftritt in Turban und Starsonnenbrille und dem Ende im Morgenrock verglüht diese Frau vor unseren Augen, verzehrt sich in selbstsüchtiger Sorge um den Nachwuchs und alltäglicher Erniedrigung.

Alina Cojocaru macht das Theater zum Leben und die Kunst zur Wirklichkeit. Unter den Tänzerinnen, die John Neumeier im Lauf seiner langen Laufbahn beflügelt haben, ist sie die Muse der Menschlichkeit. Mit seiner «Glasmenagerie» verhilft sie Laura Wingfield auf der Ballettbühne zu Unsterblichkeit, so wie es einst Márcia Haydée mit Blanche DuBois gelang. Schade, dass Tennessee Williams weder das eine noch das andere Tanzgeschöpf je zu Gesicht bekam. Er hätte ihnen gewiss seinen Segen erteilt – und ihrem Schöpfer John Neumeier auch.

Die vollständige Besprechung von Dorion Weickmann finden Sie in tanz 1/20