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Die Schatzsucherin

Ein Porträt der Schauspielerin Gina Haller

Dass Kunst die Welt verändern kann, schön wäre es. Solange lebt sie erst einmal selbst so konsequent nachhaltig wie möglich. Fährt kein Auto, kauft nahezu nie neue Kleidung und nur fair produzierte regionale Lebensmittel, geht wählen, beschäftigt sich intensiv mit Politik. Ansonsten fährt sie in Bochum oft mit dem Fahrrad ins Grüne und geht spazieren, schreibt selbst, macht Yoga, spielt Klavier.

Aber vor allem liest sie mit größter Leidenschaft und liebt Bücher, seit der Großvater ihr im Wohnzimmer nahezu alle Karl-May-Bände vorlas: Kurzgeschichten von Tschechow für die Vorbereitung zur Sascha, die sich in den depressiven Iwanow verliebt. «Unendlicher Spaß» von David Foster Wallace, weil Depressionen immer noch verstanden sein wollen. «King Kong Theorie» von Virginie Despentes, weil sie natürlich Feministin ist und ihre Ansprache an die ungesehenen Frauen außerhalb des Schönheitsideals so wichtig findet. «Americanah» von der nigerianischen Bestsellerautorin und Feministin Chimamanda Ngozi Adichie, in der sie sich teilweise wiedererkennt.

Und so ist es sicher auch kein Wunder, dass Gina Haller sich in ihrer Rollenarbeit zuallererst vom Text leiten lässt, wie bei einer Schatzsuche sein Geheimnis ergründen will, den Brotkrumen folgen, die der Autor auswirft und daraus die Figur zu verstehen. Dabei steigt sie zuweilen so tief in sie hinab, dass es wehtut. So wie seinerzeit, als sie die ausgegrenzte Piperkarcka spielte, die ihr Kind weggeben muss und es dabei verliert, bei Alize Zandwijk, die sie sehr schätzt als Regisseurin. «Neun Wochen habe ich jeden Tag geweint in den Proben.» Auch die Arbeit an der Ophelia hat sie mitgenommen: «Die Worte, die gesprochen werden, treffen mich jeden Abend, ich lasse sie bei mir ankommen – und das macht etwas mit mir, es bildet Autobahnen im Gehirn», sagt sie.

Sollte das irgendwann zu viel werden, kann sie ja immer noch in einer NGO arbeiten, etwas ganz anderes machen. «Meine Mutter sagte immer: Man findet immer einen Job.» Und deshalb ist vielleicht eine ihrer größten Stärken auf der Bühne: die komplette Angstfreiheit, die man ihrer tänzelnden, körperlich expressiven und tief gedachten Kunst in jedem Moment anmerkt.

Das vollständige Porträt Gina Hallers von Dorothea Marcus lesen Sie in Theater heute 1/20