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Der Unfassbare

Zum Tod des großen Dirigenten Mariss Jansons

Kein Tag verstrich, an dem er nicht in irgendeine Partitur blicken musste, sonst war er unzufrieden. Als er 2006 sein erstes von drei Neujahrskonzerten leitete, hatte er vorher, so erzählt man es sich bei den Wiener Philharmonikern, 800 Partituren gesichtet. Diese fast pathologische Vorbereitung auf Konzerte und Opernauftritte strahlte aus auf die Musiker. Das Imponiergehabe der Maestri, die Macht-Attitüde, das Posieren am Pult, all dies hatte Jansons nicht nötig. Natürlich waren da die elegante, fordernde Körpersprache, das horizontale Nachzeichnen von Entwicklungslinien, die stupende Verbindung von Handwerk und Charisma. Doch gleichzeitig spürten alle, wie übervoll Jansons war vom Wissen um die Musik, um ihre Verästelungen und strukturellen Gegebenheiten. Aber auch, wie er Energie nicht nur spendete, sondern aufnahm aus dem Orchester, sie umlenkte, auf dass der Abend zum großen, gemeinsamen, faszinierenden Ganzen wurde. Jansons-Interpretationen sind letztlich ein Paradox, weil sie scheinbar Widerstreitendes verbinden. Das wundert kaum, wenn man sich seine Lehrmeister vor Augen und Ohren führt: Jewgenij Mrawinsky, den Diktator der Neuen Sachlichkeit, dazu den Klangfetischisten Herbert von Karajan und den Strukturalisten Hans Swarowsky. Zugleich blieb Jansons immer offen für andere Deutungen, suchte das Gespräch zum Beispiel mit Nikolaus Harnoncourt oder Carlos Kleiber. DEN Jansons gibt es also nicht, in vielerlei Hinsicht war dieser Dirigent unfassbar. Auch daran sind seine beiden lebenslangen Begleiter schuld: der Zweifel und die Skepsis. «Glauben Sie wirklich?» Und: «Ich bin nicht überzeugt.» Unzählige Male fielen diese Sätze in Gesprächen mit ihm, was zuweilen (ob für Musiker, Manager, Politiker oder andere Wegbegleiter) enervierend war. Aber eben auch produktiv: Jansons zwang sein Gegenüber förmlich zur Argumentation, zu Begründungen, auch zur Offenheit. Und er erreichte seine Ziele. Sogar sein größtes, weshalb er bis zum Schluss in München blieb: das Konzerthaus, das nun ohne ihn eröffnet werden muss. 

Den ganzen Nachruf von Markus Thiel lesen Sie in Opernwelt 1/20