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Die Grenzgängerin

Florentina Holzinger empowert Hexen und Luftgeister

Was als harmloses Balletttraining beginnt, wird allmählich immer skurriler. Irgendwann verlässt Beatrice Cordua den Rahmen des Protokolls und beginnt, an ihren Schützlingen herumzuknabbern und ihre Geschlechtsteile zu inspizieren. Vier Tänzerinnen führen uns das Ideal der schwerelosen romantischen Ballerina vor Augen: Sie werden an kunstvoll mit ihren langen Haaren verflochtenen Ringen an Seilen in die Luft gezogen, so dass man als Zuschauer jeden Moment meint, ihre Kopfhaut müsse abreißen. Ob das romantische Ballett einer solchen Realitätsprüfung standhält?

Beatrice Cordua, die lange Jahre Ballerina in John Neumeiers Hamburger Ballett war, hat zahlreiche der Rollen getanzt, um die es Florentina Holzinger in ihrem neuen Stück «TANZ» zu tun ist: die in weiße Tutus gekleideten Sylphiden aus dem gleichnamigen Ballett von 1832 oder die Wilis aus «Gisèlle», das Corps der Schwäne in «Schwanensee», all jene weiblichen Luftgeister eben, die irdische Männer ins Verderben stürzen und zu Tode tanzen. Nach «Recovery» 2015 und «Apollon» 2018, in dem sie sich mit Georges Balanchines Klassiker «Apollon musagète» beschäftigte, ist «TANZ» der dritte Teil einer Trilogie, in der sich Florentina Holzinger mit der Tradition des romantisch-klassischen Balletts auseinandersetzt. Ihre Methode ist dabei stets die selbe. Seit ihrem Abschluss an der School for New Dance Development (SNDO) in Amsterdam 2011 verbindet die junge Österreicherin den zeitgenössischen und klassischen Tanz mit den ihm verwandten, aber doch fremden Traditionen des Zirkus, der Akrobatik, des Grand Guignol, der Body Art und der Pornografie. Diese krude Mischung hat ihr in der zunehmend verkopften Szene sofort eine enorme Aufmerksamkeit beschert.

Den vollständigen Beitrag von Gerald
Siegmund finden Sie in
Theater heute 1/20