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Rezensionen 1/2020

Frank Castorf inszeniert Racine in Lausanne

Es ist der Aufruhr, der Castorf an Racines Figuren interessiert. «Bajazet» spielt im Serail eines ottomanischen Sultans, welcher aber selbst nicht auftritt. Bühnenbildner Aleksandar Denic lässt ihn als «Turquerie » auf der Bühne in übergroßem Dreiviertelprofil misstrauisch über die Schulter zurückblicken und alles beobachten. Mit elektrischen Pupillen. Der Sultan ist im Krieg, in Babylon, und weil er offensichtlich ziemlich neurotisch ist, hat er angeordnet, dass sein Bruder Bajazet umgebracht wird, damit er keine Revolte anzetteln und die Macht übernehmen kann. Eine zentrale Rolle dabei spielt Roxane (Jeanne Balibar), eine ehemalige Sklavin und aktuell die Geliebte des Sultans, die aber heimlich Bajazet liebt (Jean-Damien Barbin), welcher wiederum in die Prinzessin Atalide verliebt ist (Claire Sermonne), und sie vice versa in ihn. Intrige über Intrige. Racine mischt zwei ziemlich anspruchsvolle Plots, einen politischen mit volatiler Machtverteilung – das Stück ist auch auf das Versailles Louis’ XIV. gemünzt – und die Dreiecks-Liebesgeschichte – alles in allem ein gewaltiges Durcheinander der Gefühle und der Aktionen, und dies immer in kristallklaren Alexandrinern. 

«Bajazet» ist nicht sehr bekannt im frankophonen Raum. Nicht so wie «Phèdre» oder «Bérénice». Gleichwohl haben konservative Blogs und Kritiker umgehend aufgejault, dass hier das Sprachheiligtum Racine beschädigt werde. Was Castorf nicht gerecht wird, denn er geht im Gegenteil geradezu behutsam mit Racines Versen um. Er stellt sie aus, lässt sie zelebrieren, bricht sie an anderer Stelle wieder und holt sie herunter auf ein alltagssprachliches Niveau beziehungsweise auf eine Subtext-Ebene, was ihrer Schönheit abermals keinen Abbruch tut, im Gegenteil. Was für ein toller Dramatiker ist doch dieser Racine, wenn er mal endlich nicht mit falsch verstandenem Respekt (oder einfach faul) heruntergeleiert wird!

Die gesamte Rezension von Andreas Klaeui lesen Sie in Theater heute 1/20