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Rezensionen 30. November

Foto: Thomas Aurin

Köln: nach Dostojewski «Der grüne Junge»

Am 29. Dezember, 5., 29., 30. Januar im Schauspiel 

«Russland lebt nicht nur für sich selbst, sondern für einen Gedanken, und du musst die bemerkenswerte Tatsache zugeben, dass Russland nun beinahe seit einem Jahrhundert nicht nur für sich lebt, sondern ausschließlich für Europa», reibt Werssilow alias Peter Miklusz seiner Geliebten, der extrem russisch aussehenden Gaunerin Alphonsine, unter die Nase. Der verarmte Adlige und liberale Lebemann, der einst mit einer Dienstmagd ein Kind zeugte, nämlich den «grünen Jungen» Arkadi Dolgoruski, ist nach einer champagnerseligen Nacht neben der französischen Pelzblondine (Tiphaine Raffier) erwacht, einer temperamentvollen Joker-Figur, die souverän zwischen Deutsch und Französisch, Heiner-Müller-Texten, Baudelaire-Gedichten und Bismarck-Beschimpfungen hin und herwechselt.

Auch der fünfte (und letzte) Dostojewski-Roman, den Frank Castorf diesmal am Schauspiel Köln inszeniert, spinnt einige der Lieblingsmotive des Dichters fort, allen voran den Großantagonismus seiner Zeit: das sich der kapitalistischen Moderne und der Ratio verschreibende Europa auf der einen, das immer noch feudale, tiefreligiöse, unfreie Russland auf der anderen Seite. Zwei Seiten, die ohne einander nicht können: «Allein dem Russen eignet in unserer Zeit schon die Fähigkeit, erst dann möglichst russisch zu sein, wenn er soweit wie möglich Europäer ist», grübelt Werssilow, der bei Miklusz im weißen Smoking einen entschiedenen Dandy-Zug aufweist, und beschwört noch mal seine nicht zu toppende Liebe zu Russland. 70 Jahre Sowjetunion mal beiseite: Hat sich überhaupt was geändert seit Dostojewski?

Ganz ähnliche Paradoxien könnte man Frank Castorf unterstellen: Je polemischer oder auch alberner sich der Theatermacher zu Sexismus, Veganismus und Rassismus, zu Fußball und Regisseurinnen oder zur Medienberichterstattung in Chemnitz äußert, mithin zu allem, was (früher mal) als typisch westlicher, europäischer, aufgeklärt-demokratischer Konsens galt, desto diverser und europäischer werden seine Ensembles. Selbst wenn dann alle Russen spielen, kriegt man nicht ganz aus dem Kopf und den Ohren, dass der fiebrige Nikolay Sidorenko ein junger Moskauer ist, der sich hier durch hunderte Seiten von Swetlana Geiers Dostojewski-Übersetzung kämpft, und dass die grandiose, als Gast engagierte Tiphaine Raffier nicht nur zu Starregisseur Julien Gosselins Stammtruppe gehört, sondern auch eigene Stücke schreibt und inszeniert, glaubt man sofort.

Der «Tschekist» (Castorf) Aleksandar Denic wiederum schlägt mit seinem Bühnenbild einen Bogen von altrussischer Datschenromantik mit reicher Holzvertäfelung, Ikonenecke und Zierdeckchen über ein paar sowjetische Automobil-Relikte bis in die unbehaust triste Gegenwart mit ihren Sonnenbänken und Pepsi-Werbetafeln: Natürlich ist dieser Zwitter aus Gutshaus und Gebrauchtwagenhandel im Nebeneinander seiner Zeitschichten ein zutiefst europäisches Ambiente. Hindurch hopst eine hysterisierte Gesellschaft in Abendgarderobe (Adriana Braga Peretzki) mit folkloristischen Anleihen bei Pelzkappen und Trachtentüchern.

Die Fäden ihrer schwer durchschaubaren Aufgeregtheit laufen in den Jungmännerhänden des Möchtegernaufsteigers Arkadi Dolgoruski zusammen. Weder die mit sechs Stunden zweifellos schlanke Textfassung noch die Inhaltsangabe im Programmheft können die haarsträubenden Verknotungen kompromittierender Briefe, plötzlicher Liebschaften, philosophischer Exkurse und kurioser Anekdoten ernsthaft entwirren, was jedoch laut Produktionsdramaturg Julian Pörksen exakt Dostojewskis Absicht entspricht: Die assoziationsreich verschachtelte Struktur des Romans spiegele trefflich die «wankende, nervöse Perspektive» des «unzuverlässigen Erzählers» wieder. Und tatsächlich ist Nikolay Sidorenko so etwas wie der rote Faden durch den langen Abend.

Am schönsten auf den Punkt oder vielmehr immer wieder an ihm vorbei bringt Sidorenkos Arkadi seine «Idee» in einem Marathon-Monolog zum Publikum – oder vielmehr zur Souffleuse, auf die er begreiflicherweise angewiesen ist. Als unehelicher Sohn mit einem frommen Wandermönch-Pflegevater ist Arkadi in Sachen sozialer Aufstieg einigermaßen chancenlos, wäre da nicht seine Absicht, reich «wie ein Rothschild» zu werden. Aber ist das schon eine Idee? Oder nicht eher eine Obsession? «Das Geld ist freilich eine despotische Macht, aber ebenso die allerhöchste Gleichheit, darin liegt seine größte Stärke. Das Geld gleicht alles Ungleiche aus», behauptet Arkadi. Wie das genau funktionieren soll, weiß er angeblich genau, auch wenn er sein hilflos lachendes Publikum immer wieder vertröstet: «Doch davon später.»

Obwohl Arkadi gerade noch äußerste Sparsamkeit – die Schuhsohlen immer schön mittig abrollen! – gepredigt hat, biegt das Bühnengeschehen nun auf die Casino-Schnellstraße ab. Denn das Glücksspiel als Kapitalismus in seiner vielleicht reinsten Form dominiert den Kreis rund um den hochmütigen Melancholiker Werssilow, Arkadis leiblichen Vater. Der dreht zwar mit dem vernachlässigten Sohn ein paar Runden auf dem Pferdewagen, hat aber außer zynischen Lebensweisheiten nicht viel zu bieten. Zumindest eins haben Vater und Sohn gemeinsam: Sie verlieben sich in die schöne Katerina Nicolajewna (Sophia Burtscher), die ihren spielsüchtigen Vater, den Fürst Sokolski (Bruno Cathomas), mit Hilfe eines «kompromittierenden Brief» am liebsten hätte entmündigen lassen, bevor er ihr noch mehr Schulden vererbt. Dieser und noch ein weiterer Brief werden zu umkämpften Druckmitteln im Ringen um Geld und Liebe.

Frank Castorf interessiert sich vor allem für die erhitzten Atmosphären, die aber auf der Langstrecke nicht leicht aufrecht zu erhalten sind. Manchmal stolpern die Spieler*innen zwischen einigen ausgekippten Apfelkisten herum, dann zoomt die Kamera rasant an giergeweitete Augen und schäumende Münder (Melanie Kretschmann, Sabine Waibel, Ines Marie Westernströer, Mathias Oster und Nicolas Lehni haben allesamt große Auftritte), gehen sich Sidorenko und Sean McDonagh zu William Minkes Ost-West-Soundtrack von Fleetwood Mac bis Wyssozki mit Boxhandschuhen an den Kragen. Den entschiedensten Bruch mit den Castorftypischen Erregungszuständen liefert gleichwohl Tiphaine Raffier, die stur das Tempo drosselt und sich noch Zeit für die ein oder andere Slapstickeinlage gönnt.

Zwischendurch machen zwei längere Ausschnitte aus Pawel Tschuchrais Film «Der Dieb» (1997) den Vater-Sohn-Dialogen ernsthafte Konkurrenz: Da sieht man erst den neuen Lover der Mutter das Kind aus dem ärmlichen Schlafzimmer in der Nachkriegs-Kommunalka jagen; später wird der kleine Junge dem Wagen, der eben jenen Stiefvater ins Straflager fährt, verzweifelt durch den Schnee hinterher rennen. Der kindliche Schmerz, der in den stillen, bedrückenden Schwarz-Weiß-Sequenzen aufscheint, ist auch Arkadis. Nur leider kann Castorfs Spielweise allein davon schwer erzählen.

Eva Behrendt

https://www.schauspiel.koeln/spielplan/premieren/ein-gruener-junge/