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Turner vertanzt

Ein Portrait des Choreographen Juanjo Arquèz

«Das Leben!» – so lautet die Antwort von Juanjo Arqués auf die Frage, was ihn inspiriere. Es sind vor allem aber die gesellschaftlichen Phänomene, die er in letzter Zeit auf der Bühne verarbeitet. Siehe Corona, siehe «Manoeuvre», wo er sich mit den Thema Männlichkeit auseinandersetzt. Denn Arqués findet es wichtig, dass die Kunst sich intensiver mit gesellschaftlichen Entwicklungen beschäftigt. Aus der Sicht des Spaniers sollte sie näher an den Menschen sein, sie emotional einbinden und sich auf sie beziehen.

Seine Arbeiten bestechen durch klare Strukturen. Da ist er Perfektionist. 2018 belegte er an der Amsterdam Film School einen Kurs in Filmregie und hat dort unter anderem gelernt, wie Drehbücher geschrieben werden. So ist «Ignite» eine brillante Analyse von William Turners Gemälde «The Burning of the Houses of Lords and Commons», ein Auftragswerk des Birmingham Royal Ballet. Als Kulisse dient nur eine Spiegelwand, die die Tänzer in ihren rot-gelben und taubenblauen Kostümen – sie stellen die Elemente Feuer, Wind, Wasser dar – in einer Weise reflektiert, dass sie gefährlich und faszinierend zugleich wirken. Choreografisch überzeugt «Ignite» mit Ideenreichtum und passionierter Virtuosität. Völlig zu Recht wurde Arqués 2019 damit für den «Benois de la Danse» als bester Choreograf nominiert.

Überhaupt hat es dem vielseitigen Tanzschöpfer die Bildende Kunst angetan. Das Elternhaus – der Vater war Fabrikarbeiter, die Mutter Schneiderin – war nicht kulturaffin. Doch in der Vorbereitung aufs Abitur wählte der Schüler Kunst und zog die musischen Fächer den ungeliebten naturwissenschaftlichen vor. In Madrid, wo er beim Ballett Victor Ullate tanzte, besuchte Arqués die ersten Museen. In London, wo er am English National Ballet engagiert war, sprang der Funke endgültig über. Er sei zum «Freak» geworden und habe sich alle Museen immer wieder angeschaut. «In London gibt es unglaubliche Kunstwerke», schwärmt der Spanier. Schon früh konzipierte er ein Ballett nach einer konstruktivistischen Arbeit von László Moholy-Nagy. Seine erste Arbeit «Minos» im Jahr 2010 war inspiriert von dem griechischen Minotaurus-Mythos um Ariadne und Theseus. Die siebenminütige Miniatur baute er später aus und erhielt nach der Uraufführung mit dem Ballet Moskva eine Nominierung für den russischen Theaterpreis «Goldene Maske» – sein Durchbruch.

Das vollständige Porträt von Bettina Trouwborst lesen Sie in tanz 11/2020