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Rezensionen 26. Oktober

Edgar Selge als König Lear, Foto: Matthias Horn

Shakespeare «König Lear» in Hamburg

Am 26., 27. Oktober, 10.,11., 21. November, 27., 30. Dezember im Deutschen Schauspielhaus

Für Karin Beier ist William Shakespeare ein regelmäßiger Sparringspartner – auch mit «König Lear» hatte sich die heutige Intendantin des Hamburger Schauspielhauses schon einmal beschäftigt, vor neun Jahren zum Saisonauftakt in Köln, mit einem rein weiblich besetzten Ensemble um Barbara Nüsse in der Titelrolle, was damals begeistert als feministisches Statement gelesen wurde. Dass sich Beier jetzt noch einmal des Stückes annimmt, weist darauf hin, dass sie mit dem Stoff noch nicht endgültig fertig ist. Zumal die Besetzung diesmal traditioneller wirkt – Lear wird gespielt von Edgar Selge, der mit 70 Jahren nahe am Alter seiner Figur ist, Graf Gloucester von Ernst Stötzner, im Beier-Kosmos mittlerweile Gewährsmann für würdevolles Altern.

Auch sonst kommt der Hamburger «Lear» zwar stimmig, aber verhältnismäßig überraschungsarm daher. Die Bühne von Johannes Schütz ist ein in Richtung Publikum gestürzter Schuhkarton, aus dem Handlung, Ensemble und die wenigen Requisiten zu fallen scheinen, eine Welt, in der die Ordnung in Schieflage geraten ist. Mit Lina Beckmann hat die Inszenierung eine Schauspielerin, die zunächst als Lears verstoßene Tochter Cordelia und später als Narr einen absurd komödiantischen Ton in die ansonsten konsequent tragische Geschichte einflicht. Und dass die beiden älteren Lear-Töchter Goneril und Regan sowie Gloucesters unehelicher Sohn Edmund mit Carlo Ljubek, Samuel Weiss und Sandra Gerlich gegen ihre Geschlechter besetzt sind, hakt man erst einmal als aus Köln an die Elbe transferierten Gendertrouble ab. Die gesamte Inszenierung wirkt wie ein Sammelsurium schon einmal erfolgreicher Beier-Ideen.

Allerdings ist es genderpolitisch nicht unproblematisch, dass die Falschheit von Goneril, Regan und Edmund ihre Entsprechung findet im Regie-Eingriff, «falsche» Geschlechter zu zeigen. Zumal die Grausamkeit der Lear-Töchter nicht gebrochen wird: Zwar sind sowohl Goneril als auch Regan zunächst mehr oder weniger lächerliche Schmeichlerinnen, deren Motivation aber nachvollziehbar bleibt; spätestens bei der Vernachlässigung des Vaters und der Folter Gloucesters bestimmt Grausamkeit die Figuren (und Edmund ist bei Gerlich ohnehin von vornherein eine intrigante Schlange). Im Programmheft beschreibt Dramaturg Christian Tschirner den Charakter der Töchter als pathologisch, von „sadomasochistischen Vorlieben“ getrieben. Diese Figuren sind von Grund auf böse, und diese Bösartigkeit korrespondiert fatal mit ihrer Queerness.

Erst gegen Ende wird deutlich, wohin Beier mit dieser nicht wirklich sympathischen Setzung zielt: Wenn sie mit Cordelias Gefolgsmann Kent (Matti Krause) und Gloucesters ehelichem Sohn Edgar (Jan-Peter Kampwirth) zwei positive Gegenfiguren ins Zentrum rückt. Die familiäre wie die staatliche Ordnung sind zusammengebrochen, und auch die Inszenierung ist über weite Strecken in blutiges Dämmern übergegangen, formlos und grausam, in dem die Starmimen Selge und Stötzner virtuos (aber für die Handlung zunehmend irrelevant) ihr Handwerk performen. Als endlich alles im Tod versunken ist, machen sich Kent und Edgar ans Aufräumen: Kent als kalter Machtpragmatiker, der möglichst schnell die alte Ordnung restaurieren möchte; Edgar als idealistischer Träumer, der hofft, dass nach Folter, Krieg und Tod endlich Platz für Neues ist.

Zum Finale des dreistündigen Abends positioniert sich die Inszenierung politisch, und sie macht es sich dabei nicht leicht: Es kommt nicht von ungefähr, dass Kent bei Krause ziemlich schnell in ein aggressiv gebelltes Sächsisch verfällt; dass er sein Lear-Loblied «Großer König, steig hernieder …» zu Hanns Eislers Melodie der DDR-Hymne «Auferstanden aus Ruinen» singt; dass er Regan und Goneril nicht in erster Linie ihre Grausamkeit vorwirft, sondern ihre geschlechtliche Uneindeutigkeit: Eine «Herrschaft der Perversion und der Unnatur» hätten sie etabliert, und wo die Kostüme im Laufe des Abends immer mehr zum Camp tendieren, ist klar, dass diese Perversion weniger mit Gewalt zu tun hat als mit einem Negieren klarer Familien- und Geschlechterrollen. Krauses Kent ist, man muss es so sagen, ein ausgemachter Reaktionär mit Pegida-Sympathien. Da kann Edgar noch so hoffnungsfroh in die Zukunft blicken – «Die Episode der Sesshaftigkeit mit ihren Staaten und Grenzen liegt hinter uns!»; er merkt nicht einmal, dass diese Open-Borders-Begeisterung sich zu einem neuen Konflikt entwickeln wird, zu einem Konflikt mit dem Staaten und Grenzen verehrenden Kent.

«König Lear» hatte nicht einmal eine Woche nach der Bayerischen Landtagswahl Premiere, bei der die Volksparteien CSU und SPD heftige Verluste erlitten, während Grüne und AfD triumphierten. Die Grünen mögen die sympathischere Alternative darstellen, ob sie allerdings im Machtkampf am Ende siegreich sind, ist noch nicht ausgemacht. Dem zupackenden Reaktionär Kent jedenfalls traut man im Hamburger «Lear» weit mehr politische Gestaltungsmacht zu als dem sympathischen Träumer Edgar. Und genau das ist schlussendlich Karin Beiers durchaus ungemütliche Interpretation.

Falk Schreiber