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Und was machst du jetzt?

Was macht ein Künstler, wenn er mit Ende dreißig „in Rente“ geht, was macht das mit ihm? Michael Banzhaf war lange Jahre Solotänzer beim Staatsballett Berlin und beendete seine Karriere Mitte 2017, vom Berliner Senat zum „Kammertänzer“ ernannt. Für Das TheaterMagazin schreibt er über eine weitere große Leidenschaft, Kino und Serien. Vom langen schwierigen Abschied von seiner größten Leidenschaft, von seinem Beruf und seiner Berufung zum Tänzer, handelt der nachfolgende Text ...

Immer wieder werde ich mit dieser Frage konfrontiert. Und obwohl ich sie mir seit längerer Zeit selbst stelle, treffen mich diese fünf Wörter jedes Mal unvorbereitet und lassen mich sprachlos zurück.

Warum ist es so schwierig, darauf zu antworten?

Vielleicht, weil es sich so privat anfühlt, obwohl eine Frage nach der beruflichen Zukunft ja kein Anschlag auf die Privatsphäre ist. Es ist auch egal, ob sie von einem Familienmitglied oder einem entfernten Bekannten oder gar einer fremden Person gestellt wird.

Es muss also mit meinem persönlichen Gefühl zu meiner Zukunft zu tun haben. Die Emotion und die Verletzlichkeit, die hinter meiner Antwort stehen würden, erscheinen mir größer als bei einem üblichen Berufswechsel, der ja oft durch das Bedürfnis, sich neu zu erfinden, motiviert ist.

Ist das vermessen?

Das Thema Abschied und Neuausrichtung ist jedenfalls ein großes Problem am Ende einer Tänzerkarriere. Es trifft jeden Tänzer, und trotzdem erlebt es jeder einzelne auf seine sehr eigene Weise. 

Als der Vorhang zu meiner Abschiedsvorstellung gefallen war, galt es also eigentlich, nach vorne zu schauen. Doch zunächst setzte vor allem eines ein: die Rückschau auf diese goldenen Jahre.

Ich will auf der Bühne stehen!

Mit diesem Wunsch, entstanden aus vielen Träumen meiner Jugend, habe ich vor 22 Jahren mein Elternhaus verlassen, zuversichtlich, aufgeregt, nicht angstfrei, aber bereit, alles bis dahin Erstrebte meinem Traum zu opfern.

19 Jahre lang stand ich auf den Bühnen der drei Berliner Opernhäuser und war mir zu jedem Zeitpunkt meiner Karriere bewusst, wieviel Glück ich hatte, mir diesen Traum erfüllen zu können. Schon seit ein paar Jahren aber beschäftigte ich mich intensiv mit dem Abschied von der Bühne. Aber wovon genau verabschiedete ich mich eigentlich?

Ließ ich „nur“ den Tanz hinter mir? Diese große Leidenschaft, durch die ich soviel Freude und Wertschätzung erfahren hatte?

Es war auch der Abschied von der ersten Hälfte meines Lebens, der durch diesen Beruf so klar und unausweichlich ist. All die Jahre über habe ich versucht, mich bereit zu machen dafür, habe auf die „neuen“ Träume gewartet. Träume mit ähnlicher Kraft wie die, die mich damals so mutig gemacht hatten und mich so zielstrebig vorrausschauen ließen.

Aber mir war es immer schwergefallen, einen Fokus zu finden, der nicht unmittelbar mit der kommenden Probenwoche, der nächsten Premiere in Verbindung stand. War das doch gerade eine meiner Stärken, diese große Identifikation mit meiner Arbeit und die große Lust, allen Erwartungen, die an mich gestellt wurden, zu entsprechen. 

In den letzten Spielzeiten habe ich oft gespürt, dass es immer schwieriger wurde, dem eigenen Anspruch gerecht zu werden, die hohen Anforderungen des klassischen Tanzes zu bezwingen und darin zu wachsen.

Der Zauber, auf der Bühne zu stehen und mich täglich mit künstlerischen Inhalten auseinanderzusetzen – zum Beispiel mit der Rollengestaltung einer neuen Partie – , erfüllte mich wie am ersten Tag und war zudem noch angereichert mit den zahlreichen Erfahrungswerten und dem daraus erwachsenen Selbstbewusstsein. 

Das ist der wohltuende Gegenpart zu den körperlichen Engpässen, mit denen jeder reife Tänzer zu kämpfen hat. Aber nichtsdestotrotz wurde in diesen letzten Karrierejahren auch spürbar, wie sehr ich mich doch meiner eigenen Tänzergeneration zugehörig fühlte. 

Wenn man jung ist, schaut man vor allem auf zu den großen Idolen, zu denen, die vermeintlich angekommen sind in jenem ersehnten Zustand der Kontrolle über Technik und Körper – stark und virtuos, frei und überlegen. Was für eine Fehleinschätzung dieses Karrierestadiums – aus meiner heutigen Sicht. Und trotzdem möchte ich betonen, welch eine Inspiration diese Kollegen für mich waren. 

Auf einmal stehe ich selbst am Ende einer solchen Laufbahn und belächele das eigene Gefühl und die Projektionen, die ich damals hatte. Aber ich war ja nicht allein. Die Kollegen und Mitträumer von damals waren mit gereift, und ich war eingebettet in eine über die Jahre gewachsene Künstlerfamilie und Tänzergeneration. 

Der Wendepunkt war der Beginn der Abschiedsvorstellungen dieser Wegbegleiter. Es wurde immer einsamer um mich herum.

Es ist ein wirklich großer Moment, wenn man nicht mehr die Möglichkeit hat, sich an Vorbildern abzuarbeiten, und plötzlich ohne einen spürbaren Übergang damit beschäftigt ist, sich an der körperlichen und schöpferischen Kraft der neuen Generation zu messen –  leider mit überschaubarem Erfolg. Nicht, dass man nicht mehr leistungsfähig wäre, jedoch hat jede Künstlergeneration ihre Ziele, ihren eigenen Stil und ihre Dynamik. Der klassische Generationenkonflikt. Man merkt unausweichlich: Jedes Ding hat seine Zeit.

Der Schnitt ist da.

Ich kann nicht ohne Theater leben.

Dieser, im wahrsten Sinne des Wortes, theatralische Ausspruch wird bestimmt von jedem halbwegs bodenständigen Künstler erst einmal belächelt werden.

Aber was ist dran? Die Entscheidungen, die man täglich als Tänzer für sich treffen muss, sind erheblich. Die Vorstellung, dass ein Tänzer vor allem mit dem Körper arbeitet und mit beseeltem Lächeln die Beine schmeißt, gehört zu meinen Lieblingstänzerklischees.

Sich die Kraftreserven über einen vollen Probentag hinweg einzuteilen, dabei noch eine Verletzung oder eine Indisposition zu spüren, sich mit einer Vielzahl von Korrekturen und Tanzstilen und dem aus mehreren Produktionen zusammenkommenden Schrittmaterials zu beschäftigen, ist nur ein kleiner Teil des persönlichen Managements, mit dem sich ein Tänzer täglich konfrontiert sieht. 

Das Bild von den behüteten Tänzern, denen das Denken abgenommen wird, stimmt nicht. Gerade in diesen Belangen wird man nämlich zumeist allein gelassen. Dazu kommen die vielen Gedanken über künstlerische Prozesse, wie zum Beispiel die Ausrichtung einer Rolle, die sich nicht zum Feierabend beiseite legen lassen. Auch die zwischenmenschlichen Auseinandersetzungen in einem durch Konkurrenz und Leistungsdruck bestimmten Theaterbetrieb sind nicht zu unterschätzen. Das alles ist wiederum klar strukturiert durch den Vorstellungsplan und, wie an jedem Theater, von der bevorstehenden Premiere.

Das macht mir Mut, zu glauben, dass ich doch eigentlich gut aufgestellt sein müsste, um auch in anderen, theaterfremden Bereichen meinen Weg zu finden. Aber funktioniert das auch ohne diese treibende Kraft, dass all meine Mühen in einem großen Ereignis kulminieren, wie zum Beispiel in einer Premiere, in der ich für meine Arbeit belohnt werde mit Applaus, Wertschätzung und innerer Befriedigung? Das klingt vielleicht eitel und auch etwas simpel, jedoch der Gedanke, darauf in Zukunft verzichten zu müssen, ist schon jetzt schmerzlich spürbar.

Überhaupt ist der Abschied von der Bühne auch damit verbunden, sich nicht mehr als Künstler definieren zu können. Man kann jetzt darüber diskutieren, ob man das denn so hart spüren müsse, aber man sollte auch akzeptieren, dass ein Künstler über seine Arbeit definiert wird und dass Künstler zu sein eben keine „Lebenseinstellung“ ist.

Mein erster Schritt war also, dieses persönliche „Ich“-Management in To-Do-Listen umzuwandeln. Da in meiner Vorstellung nun die Dinge etwas kopflastiger und weniger körperlich passieren würden, hielt ich das für eine gute Idee. Mein Lieblingstänzerklischee – sozusagen aus der anderen Perspektive.

Fühlte ich mich als Tänzer noch so strukturiert in meinem Kopf, war ich doch vor allem deswegen mit mir im Reinen, weil ich den Erfolg dieser Struktur immer körperlich spüren konnte und somit auch der erste war, der wusste, wann ich mich überschätzt hatte oder der Plan zu scheitern drohte.

Die Zettel- und Listenflut, die nunmehr auf meinem Küchentisch und an meiner Pinnwand zu finden ist, hat mich vorerst nicht überzeugt.

Zumindest habe ich mir vorgenommen, etwas ehrlicher auf die Frage „Was machst du jetzt?“ zu antworten, denn dass der Verarbeitungsprozess einer 20-Jährigen Tanzkarriere nicht automatisch in einer neuen, zielorientierten Leidenschaft enden muss, das habe ich bereits gelernt und akzeptiert. Darüber zu sprechen, wie es ist, diesen Schritt zu gehen, fühlt sich noch nicht gut an. Doch es ist ein Anfang.

Michael Banzhaf