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Oper

Gianluca Falaschis fantastische Figurinen

Der Kostümbildner des Jahres 2017

Gianluca Falaschi

Seine Inspiration schöpft Gianluca Falaschi aus dem französischen und italienischen Barocktheater. Um kunstvolle-künstliche Kleiderwelten für heute zu schaffen.

Selbstkritik ist angebracht. Schenken Kritiker dem, was mit dem unschönen deutschen Begriff „Ausstattung“ umrissen ist, auf der Bühne wirklich genug Aufmerksamkeit? Setzt man den Namen des Kostümbildners nicht oft irgendwo in Klammern, allein um der lieben Vollständigkeit willen? Womöglich hat das auch etwas mit der vorherrschenden Theaterästhetik der vergangenen Jahrzehnte im deutschsprachigen Raum zu tun. Mit Konventionen.

Plötzlich kommt dann einer wie Gianluca Falaschi, und der Kritiker denkt: Wow! Was geht denn hier ab? Da bevölkern Figuren die Bühne, deren Kleider eine so fantastische Opulenz der Farben und Formen aufweisen, dass dem Betrachter Assoziationen an die Pracht des Barocktheaters förmlich aufgezwungen werden. In dieser Sphäre fühlt sich der Costumista aus Rom besonders heimisch. Man muss nur seine Entwürfe für Produktionen wie  „Alcina“ (Theater Basel) oder „Armide“ (Staatstheater Mainz) in der vergangenen Spielzeit betrachten, um die französische oder italienische Bühne des 17. bzw. 18. Jahrhunderts als mannigfachen Inspirationsquell zu erkennen. In zeitgenössischen Figurinen wie jener des LeKain in Voltaires „Mahomet“ wird zum Beispiel sehr schön deutlich, wie dieser Exotismus sich in Falaschis Kostümen niederschlägt: mit aufwändigem Kopffederschmuck oder glamourösen, in ihrem Glanz solitären Gewändern. Falaschi – ein Erbe des Barocktheaters und Vertreter seiner Renaissance?

Das wäre zu einfach gedacht. Denn natürlich sind Stück und Regie ausschlaggebend für seine Ästhetik. Der enge Kontakt mit dem jeweiligen Regisseur, so bekräftigte er in einem Interview, sei ihm von Beginn der gemeinsamen Arbeit an wichtig. Lydia Steier kann das nur bestätigen. Fünf erfolgreiche Produktionen hat die deutsch-amerikanische Regisseurin mit ihm gemeinsam bestritten. Auf die Frage, wie sie mit Falaschi zusammengekommen sei, antwortet sie amüsiert: „über Google.“ Während einer Internet-Recherche nach Sängerinnen für Händels „Giulio Cesare“ hätten sie Falaschis Kostüme zu Rossinis „Ciro in Babilonia“ 2012 beim Festival in Pesaro geradezu angesprungen. Ihrer Bitte, den Kontakt mit ihm herzustellen, habe man zunächst nicht entsprochen, aber schließlich ihre Daten an ihn weitergeleitet. Sein Rückruf, irgendwann, zu ungeahnter Stunde, war der Beginn einer wunderbaren Künstlerfreundschaft.

Quelle: SWR

Was keine Selbstverständlichkeit ist. Ein Blick auf Falaschis Biografie zeigt, dass er neben seinen Arbeiten für den Film vor allem im Theater südlich der Alpen beheimatet ist. Geprägt wurde er von dessen Aufführungstraditionen, nicht zuletzt durch seine Lehrerin Odette Nicoletti, deren Kostüme sich ebenfalls durch eine eng an überlieferte Formen angelehnte Ästhetik auszeichnen, freilich nicht ohne in grenzenloser Fantasie auch über diese hinauszuschießen. „Das ist nicht so wie in Deutschland“, sagt Steier, wo man bei Produktionen erst einmal den Theaterfundus befragen müsse, um zu sehen, was dieser hergebe. Falaschi habe stets auch die Querverbindung zur Historie, zur Kunst und zu Modedesignern wie Christian Dior oder John Galliano gesucht: „Das ist Haute Couture“, umreißt Steier sein Schaffen fürs Theater und rühmt Falaschis „enzyklopädisches Wissen“. 

Allerdings spürt man bei Falaschis Arbeiten, beispielsweise der Ausstattung für die Basler „Alcina“, dass diese umfassenden Kenntnisse mehr hervorbringen als üppige, historisierende Kostüme. Seine Sprache ist dominiert von Fantasie und der Lust an einem sich fortwährend neu erfindenden Glamour. Steier beschreibt das gemeinsame Credo so: „Oper ist eigentlich Drag; uns beiden besonders wichtig ist die Künstlichkeit, die Gianlucas Formen beherrscht.“ Drag – das impliziert die Lust an Travestie, an Punk, an surrealen Formen. Und an Dekadenz. Womit die Brücke zum Hier und Heute geschlagen wird. Man erzählt eine Geschichte über unsere Zeit, in Bildern von großer Künstlichkeit. Steier beschreibt die Einzigartigkeit von Falaschis künstlerisch kompromisslosem Ausdruckssystem als einen „Riesengewinn für das deutsche Theater“. Oder, in Anlehnung an dessen Bildsprache, als eine ganz andere „Geschmacksnuance, Temperatur“. 

Vermutlich ist es genau diese Kraft der Künstlichkeit, die den Stellenwert der Kostüme im Theater wieder in anderes Licht rückt. Der Primat des Feinrippunterhemds und Nadelstreifenanzugs im Musiktheater der Gegenwart scheint gebrochen. Man besinnt sich wieder verstärkt auf fantastische, visionäre Entwürfe, ohne damit in schlichte illustrative Muster zurückzufallen. Das sieht auch Lydia Steier so: „Wir erleben eine Zeit, in der wir eine Art des naiven Bühnenrealismus nicht mehr sehen möchten, der bloß abbildet, was man jeden Tag in den Nachrichten sehen kann.“ Gianluca Falaschis kompromisslose, handwerklich anspruchsvolle, opulente Kleidersprache treibt diese Entwicklung mit voran.

Alexander Dick

Die Bilder zeigen verschiedene Figurinen von Gianluca Falaschi, unter anderem für "Alcina" am Theater Basel und "Armide" am Staatstheater Mainz.
Quelle Hörstück: SWR