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Theaterfotografie #10

Ein bisschen subversiv

Arno Declair sucht den Subtext des Geschehens

Von Florian Zinnecker

Nervös ist er immer noch, auch nach 20 Jahren. «Fast so, als ob ich selbst singen oder spielen müsste», sagt Arno Declair. Er steht in Reihe zwei oder drei, verfolgt die Probe durch den Sucher seiner Kamera. Mindestens 500-mal pro Abend drückt er auf den Auslöser – in der Hoffnung, dass am Ende so viele gute darunter sind, dass es für ein Programmheft reicht. «Ich habe nur diese eine Chance – und meistens nicht mehr als eine Ahnung, was mich erwartet.»

Declair, 1959 in Köln geboren, pendelt als Theaterfotograf zwischen Hamburg, München und Berlin, wo er heute seinen Lebensmittelpunkt hat; Hamburg ist es lange gewesen. Im Musiktheater fotografiert er vor allem die abseitigen, progressiven Produktionen von Regisseuren, die sich – wie Declair selbst – im Schauspiel einen Namen gemacht haben: Jette Steckel, Falk Richter, Nicolas Stemann. «Ich habe manchmal das Gefühl, Oper kann ich gar nicht», sagt Declair ein wenig kokett – die Liste seiner Aufträge, vor allem an der Hamburgischen Staatsoper, belegt das Gegenteil.

Jedes Foto entsteht aus dem Moment heraus. «Ich sehe, was vor sich geht, versuche zu antizipieren, wie und wohin sich die Szene entwickelt. Das geht umso besser, je länger man die Regisseure kennt. Sie erschaffen die Welt, in die ich bei der Arbeit eintauche, mit allen Naturgesetzen. Der Rest ist Reflex.»

Declair studierte in der Fotoklasse der Hamburger Hochschule für Bildende Künste, fotografierte jahrelang für die «Hamburger Morgenpost», zunächst für die Popkulturseiten. Fast jeden Abend besucht er Konzerte, die Liste mit allen Terminen hängt noch heute in seiner Wohnung – ganz oben stehen die Jazzlegende Miles Davis und die isländische Sängerin Björk, aber auch Mauricio Kagel und Steve Reich. Bald fragte ihn der leitende Kulturredakteur, ob er nicht auch für die «ernsthaftere» Abteilung arbeiten wolle. «Es gab damals kaum freie Theaterfotografen», erinnert sich Declair. «Also wurden Reporter ins Theater geschickt, die aber keine Lust hatten, stundenlang Proben anzusehen und dann nur ein einziges Bild honoriert zu bekommen – das meist mangels Bühnenerfahrung auch nicht so toll war.» Viele Bilder Declairs schafften es auf die Titelseite, auch beim konkurrierenden «Hamburger Abendblatt». Er begleitete die Anfänge der Kulturfabrik Kampnagel, wurde dann von einem Kollegen ans Schauspielhaus geholt, fotografierte dort die kleinen, experimentellen Produktionen von Regisseuren, die er aus der Zusammenarbeit auf Kampnagel kannte und heute in den Opernhäusern wieder trifft: Stemann, Steckel, Richter. Bei einer Fotoprobe im Thalia Theater wurde ihm ein weiteres Engagement angeboten, jetzt arbeitete Declair für beide großen Schauspielbühnen in Hamburg – und bald, aufgrund einer Empfehlung aus Kampnagel-Zeiten, auch für die Staatsoper.

«In der Oper gibt es Hindernisse, die es im Schauspiel so nicht gibt. Das größte ist der Graben, den man nicht wirklich überwinden kann. Im Schauspiel schaffe ich es, mit Fotos tatsächlich in die Szene einzusteigen, ein Raumgefühl herzustellen. In der Oper gibt es immer eine Distanz.» Die erste Opernproduktion, die er fotografierte, war Hans Werner Henzes «Wir erreichen den Fluss», inszeniert von Falk Richter.

Die Momente einzufangen, die die Bildsprache des Regisseurs widerspiegeln, betrachtet Declair nur als einen Teil seiner Aufgabe – wenn auch als  den deutlich größeren. «Ich versuche immer auch Bilder zu finden, die sich der Regisseur nicht ausgedacht hat – fast ein bisschen subversiv: Details, Momente, die auch zur Inszenierung gehören, aber nicht mit voller Aufmerksamkeit inszeniert sind oder vielleicht auch gar nicht.» In diese Kategorie fällt auch sein Lieblingsbild aus dem eigenen Œuvre: eine Szene aus der «Zauberflöte» an der Hamburgischen Staatsoper, mit Christina Gansch, im Herbst 2016 inszeniert von Jette Steckel (Bühnenbild: Florian Lösche, Kostüme: Pauline Hüners). «Das Bild blendet jegliche Opernhaftigkeit aus», meint der Fotograf. «Die guten Momente sind eigentlich immer Übergänge.» Weil Bewegung dann nicht ausgedacht, sondern notwendig und authentisch ist; weil Übergänge oft mit Lichtwechseln oder Umbauten verbunden sind. «Das sind die am wenigsten berechenbaren Aspekte.»

Arno Declair zählte zu den Ersten, die mit Digitalkamera im Zuschauerraum arbeiteten – auch schon zu Zeiten, als seine Kollegen die Apparate für zu schlecht hielten. «Ich hatte noch nie Probleme damit, dass es Unschärfen gibt. ich finde eher, dass sie das Bild leben lassen. Man braucht eben lichtstarke Objektive. Und ein bisschen Glück.»