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Rezensionen 5.10.

Mozart «Don Giovanni» in Weimar

Am 6., 18. Oktober, 4. November, 7., 26. Dezember im Nationaltheater

Nanu, was haben wir denn da? Donna Anna in anderen Umständen? Noch während die Staatskapelle Weimar und ihr (zum Saisonende scheidender) GMD Kirill Karabits auf sprungfedernen Füßen durch die Ouvertüre flitzen, steht Heike Porstein im Brautkleid auf einem Podest im Bühnenrückraum und streicht mit ihren Händen sanft über den gewölbten Bauch. Zu ihrer Rechten, im bügelfaltenfreien cremefarbenen Anzug, Don Ottavio (Artjom Korotkov), ein leicht blässlicher Gentleman, allzeit bereit, der Dame seines Herzens beizustehen. Die Frage ist nur: Stammt das neue Menschenkind von ihm?

Die Antwort auf diese pikante Frage erhalten wir wenige Opernminuten später. Der Komtur ist tot. Seine Tochter, mittlerweile im schwarzen Doňa Rosita-Kleid, ihr Verlobter und ein Knabe in kurzen Hosen (Ivan Karabits) trauern lilienbewehrt vor seinem Bildnis, während der Mörder immer noch mit der Pistole herumfuchtelt, die zuvor den Adeligen proletarisch kaltblütig zur Strecke brachte. Es ist die Haarfarbe des Jungen, die alles erklärt. Flammendes Rot, wie bei seinem Vater – wie bei Don Giovanni.

Der ist in Demis Volpis zunächst spielerisch-humoriger, dann hintersinnig-poetischer Inszenierung am Deutschen Nationaltheater Weimar ein schießwütiger Scharlatan, ein Mann, der keine Rücksicht kennt und nur ein Ziel hat: die erotische Vergiftung der Frauenwelt. Was wiederum ein Leichtes ist, wo sie doch alle umfallen wie Dominosteine, kaum werden sie seiner ansichtig: Donna Anna beispielsweise muss, wenn sie Don Ottavio später von jener vorgeblich vermaledeiten Nacht erzählt (Heike Porstein gestaltet diese Szene mit virtuos-metallischem Furor), schon deftig flunkern, wenn sie vorgibt, durch Gewalteinwirkung überwältigt worden zu sein. Auch Donna Elvira, die bei Camila Ribero-Souza mit ihrem elektrisierend-flackernden Sopran in besten Händen ist, kann sich der Aura dieses Verführers nie so richtig erwehren. Wenn der Don, den Uwe Schenker-Primus mit satter, stilsicherer, elegant geführter Stimme singt, seinen Diener (ein kerniger Bariton: Alik Abdukayumov) zur Liebesübung verdonnert, indem er ein paar Scheinchen drauflegt, verhehlt sie nicht einen Augenblick, dass sie das Manöver durchschaut und liebkost stattdessen hingebungsvoll eine Puppe, die Don Giovanni nachempfunden ist.

Alles also nur ein Spiel mit der unerträglichen Leichtigkeit des Seins? Einen Akt lang darf man es annehmen. Es dominiert die Komik, vor allem in den Ensembleszenen. Herrlich grotesk, wie die Damen und Herren des Opernchors da als jene sagenhaften, von Heinrich Heine so unvergleichlich wortmächtig besungenen Bräute erscheinen, die – geschmückt mit wallenden Hochzeitskleidern, orangenen Blumenkronen und Brautschleiern – einen Totentanz tanzen, während vorne die Verbindung Masettos mit der zarten Zerlina zelebriert wird, bei der Giovanni den Postillion d’amour auf höchst eigenwillige Weise interpretiert. Ja, auch diese Verlobte erliegt seinem unwiderstehlichen Charme, aber wie raffiniert lockt Jolana Slaviková durch galante Gesten und glasperlenhaften Gesang ihren Geliebten, den agilen Henry Neill, wieder zurück ins Liebesnest! Wir vermuten, dieses junge Glück könnte Bestand haben – nach der Treuebruchkrise.

Den Titelhelden hingegen hat beim Pausentee die Melancholie überkommen. Fortan hockt er, in sich gekehrt, beinahe wie ein steinerner Gast, auf der Bank, in die vermutlich seine «Opfer» selbst ihre Namen eingeritzt haben, schaut dem Treiben um sich herum unbeteiligt zu und singt das Müde-bin-ich-geh-zur-Ruh’-Lied der Vergänglichkeit. Was ihm von den drei schönen Dingen des (männlichen) Lebens bleibt, ist der Alkohol. Doch nicht als Aphrodisiakum, sondern nurmehr als trister Trost. So benebelt, verschwimmt auch die Realität vor ihm, für ihn. Während Daeyoung Kim seinen noblen Bass durch die Lautsprecher schickt, richtet sich plötzlich der kleine Puck vor ihm auf und mimt den Komtur. Eine verrückte Idee, aber durchaus sinnstiftend. Es ist das Kind, sein Kind, welches Giovanni anklagt und ihn in die Hölle schickt. Die Brisanz dieser Szene wird evident, wenn man den Blick weiter nach hinten richtet. Denn dort sitzen sie alle, versammelt auf einem grauen Quader, rat- und fassungslos den Tod des Mannes bestaunend, den sie gleichzeitig lieb(t)en und hass(t)en. Es ist jedoch nicht die letzte Pointe dieses eindrücklichen Abends: Während Karabits sein Orchester mit heiligem Ernst durch die Schlussfuge steuert, gehen die beiden prekären Paare Donna Anna/Don Ottavio und Zerlina/Masetto sowie die Passanten der Liebe, Donna Elvira und Leporello, nach vorn und schauen uns tief in die Augen. Und? Wie steht es eigentlich um Eure Liebesfähigkeit? Gute Frage! 

Jürgen Otten

https://www.nationaltheater-weimar.de/de/index/spielplan/stuecke_musiktheater/stuecke_details.php?SID=2155