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Rezensionen 19.10.

nach Daniel Kehlmann «Tyll» in Köln

Am 20. Oktober, 13., 17. November im Depot 1

Schön war der Dreißigjährige Krieg nicht, schön ist er jetzt erst geworden – in Kehlmanns Roman «Tyll» und noch schöner in Stefan Bachmanns Bühnenversion. Folter, Hinrichtung, Morde, Schlachten – alle Kriegsgräuel kommen im Roman vor, in wunderbar sparsamer, wasserklarer, geschmeidig fließender Sprache mit dezent gesetzten Pointen. Folter, Hinrichtung, Morde, Schlachten – alle Kriegsgräuel kommen in Bachmanns Inszenierung vor, in eben dieser Sprache.

Kehlmanns Erzähltext wird treulich und verständig wiedergegeben, zunächst von einer Kommentatorin am Bühnenrand, dann übernehmen die Figuren ihn, mit allen narrativen Techniken: Dialog, Kommentar, Bericht (und mit allen komischen Effekten, die entstehen, wenn der Stallbursche im hochfeinen Konjunktiv I berichtet, was er angeblich gerade sagt). Wenn wir hören, wie der Erzähler einen Schuss beschreibt, sehen wir, wie auf der Bühne eine Muskete aufblitzt. Bild und Ton wirken getrennt, gerade indem sie sich doppeln. Bachmann überformt diese Wortsprache nicht, er hinterlegt sie mit einer düster-schönen, kunstvoll reduzierten Bildsprache.

Die Bühne im großen Depot 1 ist gerahmt (Bühne: Olaf Altmann). Ein riesiger, schlichter Holzrahmen. Wir sehen Kunst, einen bedeutungsvollen Ausschnitt der Welt. Und die ist dunkel, tiefschwarz. Nur der Bühnenboden glitzert schwach. Knöcheltief steht die gesamte Bühne unter Wasser. Alle Figuren waten immer in diesem hinderlichen, formlosen Element. Nur das Licht spielt mit dem Wasser, still, leicht bewegt, aufspritzend, im Seitenlicht, im Halbdunkel – immer neue Reflexe, schwarz, weiß oder grau. Grell und bunt dagegen die Kostüme der Frauen, Könige und Narren: spielerisch historisierend, eine Art wasserfester Disney-Barock (Kostüme: Jana Findeklee und Joki Tewes). Aber viele männliche Figuren müssen sich wie auf Rembrandts Bildern mit schwarzer Kleidung auf schwarzem Grund begnügen. Nur punktgenau gezielte Lichtbündel auf Gesichter und weiße Bordüren lenken die Aufmerksamkeit. «Die große Kunst von Licht und Schatten» heißt ein Kapitel des Romans. Viel Licht und viel Schatten gibt es in der Inszenierung und große Kunstanstrengung.

Wie im Roman ist die Zeit auch auf der Bühne aus den Fugen: zerborstene Chronologie einer kriegerischen Epoche. Erst kommt der Bericht von der letzten Schlacht, dann die Hinrichtung von Tylls Vater, der als Hexer gehängt wird und selig seine Zaubersprüche murmelnd in den Bühnenhimmel entschwebt. Projizierte Kapitelüberschriften mit Orts- und Zeitangaben helfen dem Zuschauer durch die Wirrnis der Zeit. Tyll Ulenspiegel, den Kehlmann gegen die Historie ins 17. Jahrhundert versetzt hat, ist kein Protagonist, nur ein kluger Spiegel für die Epoche und ihre Antihelden. Da ist vor allem Liz (Melanie Kretschmann), die Gemahlin des unglücklichen Pfälzer Kurfürsten Friedrich (Marek Harloff), der kurzzeitig König von Böhmen wurde und so den ganzen dreißigjährigen Schlamassel auslöste. In deren Exil in Den Haag wird Tyll (Peter Miklusz) mit seiner schwesterlichen Freundin Nele (Kristin Steffen) Hofnarr. Und diese Liz, Tochter von James I., dem König von England und Schottland, wird zur heimlichen Hauptfigur. Ein Anflug von Humor lockert die Düsternis, wenn Liz und Friedrich jeweils in ganz unterschiedlichen Versionen nicht nur ihre Erinnerungen an die Entscheidung für die katastrophenträchtige Annahme der böhmischen Königswürde, sondern auch an ihre Hochzeitsnacht preisgeben.

Nur sparsam werden die Möglichkeiten genutzt, die die geflutete Bühne bietet: Zum Treffen mit Friedrich kommt der Schwedenkönig Gustav Adolf rückenschwimmend herein. Friedrichs treuer Kanzler Hudenitz, der auf der Rückreise vom Treffen mit Gustav Adolf stirbt, trudelt elegant als Wasserleiche in der Bühnenlache. Als Tyll dann bei der Belagerung von Brünn verschüttet wird, wird der Zuschauer so blind wie der Spiegelnarr: Man starrt minutenlang ins Bühnenschwarz. Nur Tylls Erinnerungsfetzen werden kurz aufleuchtend bebildert, sonst nur Hörübung im Dunkeln.

Dann führt Tyll eine bunte Narrentruppe an, die den Universalgelehrten und Drachenforscher Athanasius Kircher in die Flucht jagt. Dessen Nonsequiturs erheitern kurzfristig: Weil Drachen sich unsichtbar machen können, kann man in Holstein am sichersten Drachen finden, weil dort noch keine gesehen wurden. Das Finale gehört Liz: Beim Friedenskongress in Osnabrück, schwach erhellt durch acht Kerzenleuchter, feilscht sie um die Kurfürstenwürde und spricht und fühlt sich dabei wie die alte Queen Margaret in Shakespeares «Richard III.». Der Spaßmacher Tyll wird dann im großen Kreis mit lautlosem Beifall verabschiedet. «Nicht sterben ist das Beste», ist die letzte Weisheit des unsterblichen Narren.

In seiner Salzburger Rede hat Daniel Kehlmann beklagt, dass kein Regisseur mehr einem Autor dienen wolle. Stefan Bachmann dient hier, aber auf etwas hinterlistige Weise. Der Roman ist voll von Theaterreferenzen. Liz beschwört das Theater am Hof ihres Vaters: «Auf der Bühne waren die Menschen sie selbst, ganz wahr, völlig durchsichtig.» Das war Shakespeares Truppe. Der Gaukler Pirmin belehrt seine Schüler Tyll und Nele: «Um jemanden nachzumachen, musst du ihm nicht bloß ähnlich werden, sondern du musst ihm ähnlicher sein, als er sich selbst ist, denn er kann es sich leisten, irgendwie zu sein, aber du musst ganz und gar er werden.» Das ist nicht Bachmanns Theater. Bachmann, der sagt, er habe Kehlmanns Rede «sich als Kritik gefallen lassen, um über die eigene Arbeit nachzudenken», macht kein Theater, in dem die Menschen «ganz wahr» sind. Er ist treuer Diener nur des Prosaautors. Kein Quäntchen Spott, Ironie oder Distanz gegenüber dem Autor, aber große Distanz zu den Figuren. Werktreue wird durch die Übertragung in ein anderes Medium zur Treulosigkeit gegenüber dem Drama, zur Dramaverweigerung, zum hyper-epischen Theater. Ein animiertes Hörbuch in Kurzfassung von vier Stunden Dauer.

Gerhard Preußer

https://www.schauspiel.koeln/spielplan/monatsuebersicht/tyll/