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Rezensionen 12.10.

Foto: Reinhard Werner/Burgtheater

Ödön von Horváth «Glaube Liebe Hoffnung» in Wien

Am 14. und 27. Oktober, 11. November im Burgtheater

Horváths traurige White-Trash-Figuren haben Konjunktur. Seine Arbeitslosenballaden sind schließlich ideal, um über die emotionale Kälte unserer neoliberalen Gesellschaft und aktuelle Entsolidarisierungstendenzen, die soziale Ungleichheiten verschärfen, zu erzählen. Die #MeToo-Debatte könnte Horváth weiteren Auftrieb geben: Zur Ware degradiert wurden jene Fräuleins, die sich in seinen Stücken nicht unterkriegen lassen möchten und dann doch unter die Räder kommen, seit jeher.

Im Burgtheater hat sich nun der Reduktionskünstler Michael Thalheimer «Glaube Liebe Hoffnung» vorgenommen, einen «kleinen Totentanz in fünf Bildern», wie ihn der Autor selbst bezeichnete. Einzudampfen gibt es in dem verdichteten Stück ausnahmsweise sogar für Thalheimer nichts. Die Bühne von Olaf Altmann ist leer und stockfinster, aus einem riesigen Trichter, der drohend von der Decke hängt, dringt ein einzelner Lichtstrahl, der auf Elisabeth fällt. Im geblümten Sommerkleidchen steht Andrea Wenzl da, klagt, wie schlecht die Zeiten sind, verspricht jedoch, allem Unglück zu trotzen: «Es soll ja noch schlechter werden. Aber ich lasse den Kopf nicht hängen.» Die Fallhöhe ist klar, Thalheimer sieht seiner Protagonistin in Folge zu, wie ihr langsam das Genick gebrochen wird, bis sie am Ende ins Wasser geht.

Die Menschen, denen Elisabeth begegnet, sind seltsame Kreaturen. Sie humpeln demonstrativ, verbiegen ihre Glieder, als wären sie aus Gummi, lachen schrill und unpassend. Ihre innere psychische Deformation hat sich anscheinend in ihre Körperhaltungen eingeschrieben. Das gibt dem Abend aber auch etwa grell Überzeichnetes und Groteskes, ihre Widersacher wirken wie Comicfiguren. Sie sind Karikaturen aus einem Gemälde von Otto Dix. Ihr Spielstil ist auch nicht einheitlich, es wird gewienert (Hermann Scheidleder und Robert Reinagl), eine Dessous-Verkäuferin greift ins Furien-Fach (Christiane von Poelnitz), Daniel Jesch kehrt als Vergewaltiger den Kraftmenschen heraus.

Um Horváths statische Untergangsbilder zu strukturieren, in denen Elisabeth von der meist männlichen Umwelt erniedrigt, verleugnet, verurteilt und verspottet wird, hat sich Thalheimer tanztheaterartige Zwischenspiele ausgedacht. Zu Classic-Rock-Nummern (Deep Purples «Child in Time» oder Led Zeppelins «Kashmir») läuft eine Gruppe an Statisten über die Bühne, um das gerade Gezeigte ins Allgemeine zu heben: Nicht ein Präparator mit blutverschmierter Schürze, nicht ein Polizist, nicht ein Vergewaltiger – ein ganzes Heer bevölkert die Bühne. Elisabeths Schicksal ist kein Einzelfall.

Diese Zeigefingerhaltung wird aber auch zunehmend zum Problem des Abends, der auf Typen setzt: Alles dreht sich um die weibliche Hauptfigur, allein Merlin Sandmeyer gelingt es, seinem fahrigen, traurigen, jammerhaften Schupo ein wenig Menschlichkeit einzuhauchen. Wenzel bleibt das kraftvolle Zentrum dieser Inszenierung, die zwar stringent ist, aber einem trotzdem selten zu Herzen geht. Und der Altherrenmusikgeschmack, den Bert Wrede aus der Mottenkiste holt, ist als #MeToo-Statement auch nicht gerade zwingend.

Karin Cerny

www.burgtheater.at/de/spielplan/produktionen/glaube-liebe-hoffnung