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Rezensionen 28.9.

«Parallelwelt» im Berliner Ensemble und im Dortmunder Schauspielhaus

So einen Saisonauftakt wünscht man sich doch! So ein großes Get Together. Zwei der ersten Häuser ihrer jeweiligen Regionen schlagen eine Schneise durch die Republik und finden zum multimedialen Großevent zusammen: «Die Parallelwelt», parallel erarbeitet am Theater Dortmund und Berliner Ensemble, parallel aufgeführt, abgefilmt und live versendet auf die jeweils andere Bühne. Mit zwei Mal sieben Spieler*innen, die zu den feinsten an ihren Theatern gehören, mit zwei Mal Statisterie, Videoteams, Backstage-Armada. Alles koordiniert und inszeniert von Kay Voges, dem «Medienbeauftragten des Gegenwartstheaters», wie ihn die «Süddeutsche Zeitung» leicht spöttisch nennt. Wochen vorher schon rollte das Social Media Marketing die digitalen Teppiche aus. Und alle kamen. Das Stadttheater hat ja viel zu oft etwas Verdruckstes und Kleinmütiges. Da tut der Wille zum Blockbuster gut.

Und keinen Deut kleiner als in den Vorankündigungen geht’s denn auch auf den Bühnen parallel los. Mit einem Prolog, der die gesamte Globalisierungsgeschichte von der Seefahrt der älteren bis zur Ingenieurskunst der jüngeren Vergangenheit umfasst: «Die Geschichte», so lässt uns die Stimme von Josefine Platt (aus dem Ensemble des BE) wissen, «war eine Geschichte der Vernichtung der Abstände». Und dazu wabern fluide Formen auf der Filmleinwand. Der Abstand, der an diesem Abend ganz konkret vernichtet, oder sagen wir, überwunden wird, beträgt 420 km. Durch ein angemietetes Glasfaserkabel rauschen die Datenpakete zwischen Dortmund und Berlin hin und her und werden in Projektionen ausgewickelt: Die flimmern mal über, mal neben dem live performten Geschehen. Die Fronten der sommerhausartigen und selbstredend gedoppelten Bühnenwohnung (entworfen von Daniel Roskamp) lassen sich bei Bedarf durch herunterfahrende Leinwände abdecken.

Und also sieht man, als das Intro vorüber ist und die Bühnenwelt sich öffnet, ein Geburtszimmer in Berlin mit Stephanie Eidt in Wehen und parallel dazu den Live-Film aus Dortmund: ein Sterbezimmer, wo Uwe Schmieder in Agonie röchelt und verscheidet. Es sind die ersten und letzten Momente im Dasein eines gewissen Fred, dessen Leben an diesem Abend stationenweise ausgeleuchtet wird. In Dortmund lose rückwärts angeordnet, in Berlin chronologisch nach vorn. Wobei die dargestellten Momente zugleich als Spiegelungen erscheinen sollen. Weshalb in den Klinikräumen auffallend identisch anmutende Krankenschwestern werkeln (in einem Traum von Häubchen-Kluft: Merle Wasmuth in Dortmund und Sina Martens in Berlin).

Voges baut also Szenen in forcierter Korrespondenz: Der kindliche Fred wird von seinem Vater belehrt, was Wörter wie «empirisch» oder «immanent» bedeuten, während zeitgleich der alte Fred (Andreas Beck) im Pflegezustand sinniert: «Die Wirklichkeit ist ein löchriger Schuh, den ich mir so nicht länger anziehen will.» Später sehen wir Fred beim ersten Date mit seiner Lebenspartnerin Stella und beim weihnachtlichen Ehekrach. Immer wieder blicken Figuren bedeutsam durch Fensterjalousien, immer wieder tauchen Requisiten hüben wie drüben geheimnisumwoben auf. Alles ist hübsch passgenau gebaut und wird sich wie im Krebsgang wiederholen und umkehren. Die Struktur ächzt unter dem mächtigen Sinnbegehren. Es wäre ja allemal schon viel wert, den narrativen Schachzug sauber durchzuführen und also das Leben des Fred gegenläufig zu erzählen, um Konflikte und Bruchstellen im zweifachen Durchgang sichtbar zu machen. Aber um eine solche Nahansicht einer Geschichte geht es hier nicht. Vielmehr dienen die wie in einem Schaukasten aufgestellten Szenen zur Veranschaulichung einer ebenso abstrakten wie trivialphilosophisch unanfechtbaren Einsicht, dass eine gegebene Realität immer nur eine Variante aus diversen alternativen Möglichkeiten ist. Um diesen Gedanken mit quasi kosmologischer Wucht einzuhämmern, bemühen Voges und seine Co-Autoren Alexander Kerlin und Eva Verena Müller Massen an Behauptungsprosa: In endlosen Selbstkommentaren ergehen sich die Akteure auf der Szene wie in kleinen Intermezzos in antiker Seinsphilosophie und Medientheorie, streifen die Heisenbergsche Quantenphysik und sampeln noch das eine oder andere populärwissenschaftlich Einschlägige zum Thema Möglichkeit und Wirklichkeit in parallelen Universen.

Einen gewissen Hang zum Schwulst konnte man ja schon anderen großen Bühnenessays von Kay Voges attestieren, der denkwürdigen «Borderline Prozession» etwa oder auch seiner Fotografie-Studie «Hell / Ein Augenblick». Hier aber verfaulen die Lesefrüchte zum spekulativen Brei. Der Apfel der Erkenntnis wird zum Apfelmus der Bedeutsamkeit und schmiert sich über die Schaubilder. Dazu gibt’s immer wieder deftige Barockmusik oder Pathetisches von den Einstürzenden Neubauten («Stella Maris»).

Für die Spieler*innen bleibt wenig mehr zu tun, als das sich auf David Lynchs Filmästhetik berufen wollende Spiel der Ähnlichkeiten in wechselnden Kostümen wacker durchzustehen (nicht von ungefähr trägt Fred den Namen des Protagonisten aus Lynchs «Lost Highway» und stellt sich die DVD auch gleich signalförmig ins heimische Regal). Meist findet man sie in einer entlegenen Ecke, weil die Aktionen eher auf die Kamera denn auf den vorhandenen Theaterraum hin berechnet sind. Einmal, als die Hochzeit von Fred und Stella anfällt, kreuzen sich die Stränge der Geschichte und die Ensembles aus Dortmund und Berlin battlen sich ein wenig, wer hier Kopie ist und wer Original, wessen Geschichte im Vordergrund steht und wessen nur im Fernsehbild flackert. Was Dank einer exaltiert divenhaft tönenden Annika Meier als Braut eine kaum mehr erwartete Portion Frische und Esprit kriegt. Etwas Lokalkolorit kommt auch noch obendrauf, und Berlin wird in der Live-Schalte zwischen Andreas Beck und Oliver Kraushaar als Stadt mit der anerkannt besten Currywurst der Welt gerühmt.

Ansonsten hat’s eher eine campy Komik, wenn sich die Texte mal wieder in betonten Selbstreflexionen der Selbstflexionen am Ideenberg verkraxeln, wenn etwa Heiner Müller zitiert wird («Maschinen verwirren die Seele!») oder wenn es mit Jelinek augenzwinkernd heißt «Es ist eine Frau verschwunden, zu Tode gefilmt». Oder die Ensembles singen Depeche Modes «Enjoy the Silence», also «genieß die Ruhe», und man sich denkt, ach hättet Ihr’s doch nur beherzigt … Tatsächlich aber hat sich hier eines der spannendsten Multimedia-Bühnenexperimente unserer Tage in Redseligkeit und Bedeutungsgehuber selbst ungenießbar gemacht.

Christian Rakow