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Ekstatisches Erleben

Die Stuttgarter Ausstellung, der Tanz und die Inspiration

«Auf der Bühne spielt Ekstase auf jeden Fall eine Rolle. Ekstase bedeutet ja auch, sich selbst ein Stück weit zu vergessen.»

Frau Vieth, Sie leiten das Kunstmuseum Stuttgart, haben die «Ekstase»-Ausstellung kuratiert und greifen damit ein Phänomen auf, das unser rationales Zeitalter einerseits fürchtet, andererseits ersehnt – Stichworte: Drogen, Rausch, Kontrollverlust. Wie kam es auf Ihre Agenda?
Anne Vieth: Es gab schon 2005 eine Ausstellung mit dem Titel «Ecstasy» im Museum of Contemporary Art in Los Angeles, die sich aber vornehmlich mit der Gegenwartskunst befasste. Uns geht es hingegen darum, Ekstase als kulturhistorisches Phänomen zu beleuchten. Wenn man durch die Kunstgeschichte streift, wird schnell deutlich, dass Ekstase ein epochen- und kulturübergreifendes Thema ist. Die Auseinandersetzung damit beginnt in der Antike mit dem dionysischen Kult, den die Ausstellung anhand von Vasenmalereien veranschaulicht. Seither wird Ekstase in den unterschiedlichsten Künsten und in allen erdenklichen Varianten aufgegriffen.

Wo liegt der Fokus der Ausstellung?
AV: Einerseits auf der Bildenden Kunst, deshalb sind neben Gemälden, Zeichnungen, Fotografien und Skulpturen auch zahlreiche Videoarbeiten und raumgreifende Installationen zu sehen. Andererseits war es unser Anliegen, den Besuchern die Türen zu anderen Disziplinen zu öffnen. Dafür sind wir mit verschiedenen Stuttgarter Kulturinstitutionen in Kontakt getreten – eben auch mit dem Ballett.

Aber was hat der Tanz, was hat ausgerechnet das Ballett mit Ekstase zu tun?
AV: Der Tanz ist von zentraler Bedeutung, denn ekstatisches Erleben wird vor allem durch Bewegung und akustische Reize befördert – denken Sie nur an die Drehtänze der Derwische, die monotonen Bewegungen der Sufis oder die repetitiven Beats, Jumps und Shuffles der Technoszene.

Trotzdem: Wie geht dieses Außer-Sich-Sein mit der kontrollierten Kunst des Balletts zusammen, das in punkto Bewegungsablauf doch scheinbar nichts dem Zufall überlässt?
Louis Stiens: Auf der Bühne spielt Ekstase auf jeden Fall eine Rolle. Obwohl ich kein Erster Solist bin, kann ich mir problemlos vorstellen, dass man sich allein auf weiter Flur in eine Art klassische Rage tanzen kann. Ekstase bedeutet ja auch, sich selbst ein Stück weit zu vergessen, also im besten Fall eine außerkörperliche Erfahrung zu machen – bis zu dem Punkt, an dem sogar das Schmerzempfinden aussetzt. Ich habe so etwas schon erlebt, als Tänzer in Glen Tetleys «Sacre du Printemps».

Inwiefern?
LS: Tetleys Choreografie ist ein Kraftakt, voller Power, und dabei entsteht ein sehr starkes Gruppengefühl. Weil man merkt, dass alle anderen genauso erschöpft sind wie man selbst. Alle wissen aber, dass sie trotz dieser Müdigkeit weitertanzen müssen, um die Vorstellung zu Ende zu bringen. Bei der Schlussrunde war ich einmal so fern von mir selbst, dass ich nicht mehr wusste, ob da gerade mein Bein nach oben schwingt oder das meines Tanz-Nachbarn.

Fließen solche Erfahrungen in das Ballettprojekt ein, das an die Ausstellung andockt?
AV: Wir veranstalten zusammen mit dem Stuttgarter Ballett einen partizipativen Workshop, der auf jeden Fall dazu anregt, sich über Bewegung in ekstatische Momente zu versetzen. Louis Stiens steuert Konzept und Regie bei, und wir haben uns gefreut, dass der neue Ballettintendant Tamas Detrich diese Zusammenarbeit sofort ermöglicht hat.

Liefert die Ausstellung denn ihrerseits Inspiration für den Workshop?
LS: Unbedingt! In den rund zweihundertdreißig Kunstwerken, die da versammelt sind, begegnet man einer unglaublichen Vielfalt an körperlichen Ausdrucksweisen. Das fängt beim in Ekstase getanzten Körper an, setzt sich über den Push durch Drogen und Rauschmittel fort bis zur religiösen Ekstase, der etwas Elegisches anhaftet. Die Bandbreite ist faszinierend und jeder Aspekt für mich interessant, weil Ekstase ein durch und durch körperliches Geschehen ist. Gerade in der performativen Kunst zeigt sich, dass Ekstase ein Zustand ist, der entsteht – der regelrecht choreografiert werden kann. Also nichts, was man einfach so hat. Diese Beobachtung lässt sich auch an Gemälden machen, deren Figuren buchstäblich außer sich geraten oder geraten sind. Der entfremdete und befremdende Körper interessiert mich als Choreograf sehr.

Wie kann die Malerei die Dynamik einer Ekstase fixieren und als Momentaufnahme glaubhaft machen?
AV: Das lässt sich sehr schön an zwei Werken von Ernst Ludwig Kirchner zeigen, die Tanzekstasen ins Bildliche übersetzen. Das eine stellt Gret Palucca dar, das andere Mary Wigmans berühmten Totentanz – und der Maler fängt tatsächlich zwei verschiedene Tanzstile ein. So überträgt Kirchner die typischen, energiegeladenen Bewegungen der Palucca, indem er die ganze Figur mit der ihr eigenen Körpersprache in einem Augenblick des Drängens, des Vorwärtsstürmens erfasst und festhält. Dieses dynamische Moment spiegeln übrigens auch Antoine Bourdelles Zeichnungen von Isadora Duncan. Was den Bühnentanz betrifft, gibt es noch einen besonders interessanten Aspekt: Der Zuschauer kann meist gar nicht erkennen, ob es sich um ein reales Entgrenzungs-Erlebnis handelt oder um eine choreografierte und getanzte Ekstase.

Was heißt das im Umkehrschluss für die Teilnehmer des Workshops?
LS: Ich möchte meine eigenen Erfahrungen weitergeben an ein tanzfreudiges Publikum, das zuvor in der Ausstellung unterschiedliche Körperbilder gesehen und Körper in extremen, losgelösten Situationen wahrgenommen hat. Daran knüpfe ich an und versuche, über einen ästhetischen, einen choreografierten Zugang den Eintritt ins ekstatische Erleben zu ermöglichen.

Hört sich nach schweißtreibender Herausforderung an.
LS: Auf jeden Fall hat es etwas mit körperlicher Ermüdung zu tun. Über Erschöpfung gelangt man am schnellsten an den Punkt, wo Ängste, Scham oder Zurückhaltung überwunden werden.

Und das funktioniert garantiert immer?
LS: Ekstase hat etwas ganz Persönliches und ist etwas ganz Persönliches, ähnlich wie Spiritualität. Deshalb gibt es kein allgemeingültiges Rezept, wie man sich am besten in Ekstase versetzt. Wer das ergründen will, braucht Disziplin. Weil man sich kennenlernen und verstehen muss, was einen dazu bringt, sich selbst zu vergessen.

Was ist Ihr Rezept?
LS: Mich bewegt Musik zutiefst, sie katapultiert mich in einen anderen Zustand. Deshalb bin ich ein großer Fan der Club-Kultur und ihrer Tanzbesessenheit. Und deshalb stelle ich mir für unser Projekt einen Raum mit dunkler Club-Atmosphäre vor, in dem sich jeder geschützt fühlt – und zugleich kann ich darin gesteigerte Aufmerksamkeit herstellen.

AV: Bewegung spielt übrigens schon beim Rundgang durch die Ausstellung eine Rolle. Es gibt zwei Arbeiten, die den Betrachter in seiner Leiblichkeit ansprechen und animieren, das Werk gewissermaßen mitzugestalten. Das eine ist «Dreamhouse» von La Monte Young und Marian Zazeela, das die gesamte obere Ausstellungsetage einnimmt. Das andere Carsten Höllers «Light Wall», gleich am Anfang. «Dreamhouse» steigert durch die starke Einwirkung von Licht und Musik die Sensibilität des Betrachters für das eigene Empfinden. Ob man das Kunstwerk im Sitzen, Stehen oder Gehen erfährt, macht einen Riesenunterschied. Höllers Lichtwand wiederum kann durch den stroboskopartigen Effekt einen geradezu halluzinatorischen Zustand auslösen.

Wir assoziieren Ekstase häufig mit mystischen, religiösen Zuständen, aber auch mit den Ritualen primitiver Kulturen. Wie geht die Ausstellung mit dieser Perspektive um?
AV: Wir wollten die außereuropäische Dimension unbedingt einbeziehen, weil Ekstase dort positiver konnotiert ist. Entschieden haben wir uns dann für den Candomblé, eine Religion, die im brasilianischen Bahia praktiziert wird und in der Trance und Ekstase von großer Bedeutung sind. In der Ausstellung steht dafür der afrobrasilianische Künstler Ayrson Heráclito, selbst ein Ogã, also ein hoher sakraler Würdenträger des Candomblé. Seine Arbeiten verflechten Glaube und Kunst, und so hat er jetzt einen Raum mitgestaltet und dafür zwei neue Videoarbeiten entwickelt.

Hat sich die Darstellung der Ekstase im Lauf der Jahrhunderte verändert?
AV: Auf jeden Fall, und zwar schon aufgrund der tabuisierten Sujets. Zum Beispiel kennt die Kunstgeschichte Darstellungen von Drogenrausch und orgastischer Entgrenzung erst in jüngerer Zeit. Aber natürlich lassen sich erstaunliche Parallelen entdecken, etwa in der Präsentation religiöser Verzückung und sexueller Höhepunkte. Der entrückte Blick, der leicht geöffnete Mund, der in den Nacken gelegte Kopf – da gibt es auffällige Ähnlichkeiten in der Ikonografie.

Warum gilt Ekstase im Westen als ambivalente Erscheinung?
AV: Weil sie ein Sehnsuchtsmoment symbolisiert und zugleich die Angst vor dem Kontrollverlust. Ekstase bewegt sich stets auf dem schmalen Grat zwischen Glück und Schmerz, zwischen Euphorie und Ausschreitung, Hochgefühl und Erschöpfung.

Macht sich das auch im Tanz bemerkbar?
AV: Ganz sicher. Wir zeigen beispielsweise ein Video des jungen polnischen Künstlers Gregor Rozanski, das seinen Blick auf Polens Techno- und Rave-Kultur spiegelt. In den Aufnahmen, die Rozanski von der feiernden und tanzenden Menge gemacht hat, blitzen Glücksmomente auf – und harsche Entgleisungen. Rozanski demonstriert, wie Ekstase im Kollektiv außer Kontrolle geraten und in Gewalt umschlagen kann. Ein anderes Beispiel ist Anita Berber, die berühmt berüchtigte Tänzerin der 1920er-Jahre. Sie verkörpert geradezu prototypisch die Doppelung von Faszination und Gefahr, die von getanzter und gelebter Ekstase ausgeht.

Die Berber, von Otto Dix gemalt, strahlt ja durchaus etwas Bedrohliches aus.
AV: Genau da zeigt sich, warum Ekstase so ein spannendes Thema ist für die Kunst. In der Verbildlichung werden Zustände offenbar, die wir nicht fassen können, etwa transzendente und sublime Momente. Und der Tanz wiederum ist so besonders reizvoll für Bildende Künstler, weil er das Motiv der Ekstase wirklich greifbar macht.

Das Gespräch führte Andrea Kachelrieß

 

Die Ausstellung im Kunstmuseum Stuttgart läuft bis zum 24. Februar 2019;
www.kunstmuseum-stuttgart.de

Der Workshop mit Louis Stiens findet am 30. November und 1. Dezember statt; die Teilnehmerzahl ist begrenzt.
Tickets unter www.stuttgarter-ballett.de