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Aberglaube im Theater #1

TOI TOI TOI

Von Sina Katharina Flubacher

Wer vor einem Großereignis beobachten kann, wie sich Menschen in den Armen liegen und dabei mit heiligem Ernst über die Schulter spucken, befindet sich zweifellos am Theater. Kein Aberglaube, kein Ritual hält sich hier so hartnäckig wie das TOI TOI TOI, mit dem sich die Beteiligten für die Premiere viel Glück wünschen. Doch woher kommt es eigentlich?

Die (Spucke-)Spur führt ins Mittelalter, als man glaubte, dass gute Wünsche den Neid böser Geister wecken. Durch dreimalige Anrufung des Teufels kann das Unheil jedoch abgewendet werden. So besagt eine Theorie, dass sich TOI TOI TOI von „Teufel, Teufel, Teufel“ ableitet. Das Schwäbische Wörterbuch belegt hierfür den Spruch „No kommt mer in’s Teu-, Teu-, Teufelskuchen bey ihm“ (für diejenigen, die nicht fließend Schwäbisch sprechen, sei es hier übersetzt mit „in Teufels Küche kommen“). Ein möglicher Ursprung ist auch der jiddische Ausruf „Tfu(t), Tfu(t), Tfu(t)“ gegen den bösen Blick. Wird vor ihn ein „unberufen!“ gesetzt und dreimal gespuckt oder auf Holz geklopft, schützt er zuverlässig vor neidischen Geistern. Bevor dieses Wissen aus dem kollektiven Gedächtnis der Moderne verschwinden konnte, griff es die Musikindustrie in den 1920ern auf. Die Redewendung TOI TOI TOI wurde durch Schlager populär und eroberte nicht zuletzt durch den Chanson „Alles Schwindel“ von Mischa Spolianksy die Gehörgänge. Mit der gleichnamigen Burleske gab Gustaf Gründgens 1931 im Theater am Kurfürstendamm sein Regiedebüt und wochenlang schallten die Zeilen „Alles ist heut' ein Gesindel / jedes Girl und jeder Boy / wird einem schlecht dabei! / 's wird einem schwindlig / von dem Schwindel / alles, alles, alles Schwindel / unberufen, toi! toi! toi!“ durch den Berliner Westen.

Ein „unberufen!“ hört man am Theater nicht mehr, dafür wird umso mehr auf Holz geklopft. Falls das nicht zur Hand ist, gibt es die beliebte Tradition, sich scherzhaft an den eigenen (Holz-)Kopf zu klopfen. Sicher ist sicher. Auch das Spucken schaffte es nicht wirklich in die Moderne. Zwar galt Speichel noch bis ins 19. Jahrhundert als unheilbannend, spätestens aber mit der Entdeckung, dass darüber Tuberkulose-Bakterien übertragen werden, war das Spucken verpönt. TOI TOI TOI etablierte sich so vermutlich als lautmalerische, keimfreie Alternative. Am Theater sieht man auch oft das sogenannte „Trockenspucken“. Es geht so:

Nähere dich der Person, der du Glück wünschen möchtest. Spitze die Lippen, setze die Zungenspitze hinter die obere Zahnreihe und erzeuge durch Druck ein kleines Vakuum – ein kurzer, trockener Spucklaut wird hörbar, ohne dass Speichel fließt. Aber Achtung! Spucke unbedingt über die linke Schulter deines Gegenübers! Denn auf ihr sitzt der Teufel, den es zu vertreiben gilt. Wer über die rechte Schulter spuckt, erwischt den Schutzengel und das Glück des Bespuckten ist ruiniert! Es gilt also die einfache Regel: Orientiere dich beim Spucken rechts, um die linke Schulter zu treffen. Wer sich daran hält, liegt „Herz an Herz“ mit dem Bespuckten und hat seinen Teil zu einer gelungenen Premiere beigetragen.

Damit sind aber längst nicht alle Gefahren gebannt. Wer auf ein TOI TOI TOI mit „Danke“ antwortet statt mit einem „Hals- und Beinbruch“, hebt jede Glücksformel wieder auf. Dann heißt es ab ins Freie und dreimal um das Theater laufen! Ein weniger schweißtreibender Gegenzauber sieht vor, sich dreimal um die eigene Achse zu drehen, ein Lied zu singen und mit Pucks Worten aus Shakespeares „Ein Sommernachtstraum“ zu enden:

Wenn wir Schatten euch beleidigt
Oh so glaubt – und wohl verteidigt
sind wir dann – ihr alle schier
habet nur geschlummert hier
und geschaut in Nachtgesichten
eures eignen Hirnes Dichten.

Nach dem Rezitieren dieser Zeilen muss dreimal an die Tür geklopft und um Einlass gebeten werden. Nicht alle haben vor der Premiere Zeit, eine solche Prozedur abzuarbeiten. Wer seinen Auftritt nicht verpassen möchte, vermeidet es also sorgfältig, die Geister so kurzfristig gegen sich aufzubringen. „Ich bin genügend gebildet um nicht abergläubisch zu sein, bin es aber trotzdem“, schrieb Dostojewski vor über 160 Jahren. So hält man es bis heute. Sicher ist sicher.