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Kein Grund zu Abbiegen

Interview mit der Schauspielerin des Jahres 2022, Lina Beckmann

Richard ist zumindest bei Shakespeare eine eindeutig negative Figur. Ist der bei Ihnen gar nicht böse?Doch, der macht böse Sachen. Aber Karin Henkel fand es fade, zu sagen: Der ist einfach per se böse! Sie fand es interessant zu fragen: Wieso ist der böse? Bei Shakespeare ist der von vorne bis hinten böse. Richard macht seine Sache «super», der ist dabei teils sehr charmant, aber Shakespeare sagt nicht, wie er da hingekommen ist. In unserer Fassung sieht man, dass er die Bösartigkeit erst lernen muss, dass er da reinwächst. Aber weil wir ihn als Kind mit seiner Mutter sehen, beschleicht einen das Gefühl: Der ist nicht böse. Man denkt, dass man ihn kennt, man glaubt, ihn beschützen zu können. Vielleicht könnte er noch eine Abzweigung in ein anderes Leben nehmen?

Gibt es denn innerhalb des Stücks eine Stelle, an der er hätte abbiegen können?
Ich denke, dass man immer abbiegen kann. Aber für das Abbiegen fehlt ihm ein Grund. Wahrscheinlich ist die Seite, die mehr lockt, die böse Seite, und auf der anderen Seite gibt es nichts, was ihn reizt – es gibt diese Abzweigung, aber sie interessiert ihn nicht.

Auch als Zuschauer findet man die bösen Figuren interessanter. Und viele Schauspieler denken auch so – Lars Eidinger hat mal gesagt, dass er im «Tatort» nie den Kommissar spielen möchte, sondern immer nur den Mörder.
Bei mir ist das nicht so. Man darf eben eine Figur nicht nur als gut oder als böse lesen, auch Figuren, die gut sind, haben ihre Schweineseiten. Ich glaube, jeder hat eine Dreckseite, und die muss man gut behandeln, genauso wie die Seiten, die toll sind. Wahrscheinlich hat auch Richard eine Seite, die gut sein könnte, nur wurde die überhaupt nicht gepflegt. Der wurde nicht gesehen, der wurde nicht geliebt, dem wurde gar kein Platz auf dem Thron zugetraut – und der sagt dann: «Doch, ich hole mir den! Ich schaff’ das!» Das ist nicht per se böse, sondern eine Reaktion auf etwas.

Vor ungefähr fünf Jahren war es im deutschsprachigen Theater ein bisschen in Mode, «Richard III.» zu inszenieren, als Analogie auf Donald Trump und andere Horrorclowns der Politik. Die Schauspielhaus-Inszenierung kam da im Grunde schon zu spät, und dann wurde der erste Premierentermin auch noch wegen Corona abgesagt. Als das Stück dann endlich zur Premiere kam, war Trump gar kein Thema mehr.
Schrecklicherweise gibt es ja nicht nur Trump. Leute, die durch furchtbare Finten nach oben kommen, gibt es viele, jetzt sind auch schon wieder zig Menschen an der Macht, die, wie ich finde, wahnsinnig sind und ihre Macht extrem missbrauchen. Karin Henkel hat mal gefragt: «Wieso kommen die da hoch?» Nicht, weil sie so klug sind und tolle Politiker! Diese Frage ist immer aktuell, und deswegen waren wir auch nicht zu spät dran.

Das gesamte Interview von Falk Schreiber lesen Sie im Jahrbuch Theater heute 2022