Inhalt

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Werden Sie Abonnent des TheaterMagazins
  • Aktuelle TheaterMagazin-Artikel online lesen
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv (ab Oktober 2017)

Sie können alle Vorteile des Abos sofort nutzen

Rezensionen 30. August

Aischylos «Die Perser» in Salzburg

Ulrich Rasche inszeniert mit Katja Bürkle, Valery Tscheplanowa, Patrycia Ziolkowska und 15 Männern

«Welt!» lautet das erste Wort des Abends. Und so hört es sich im Salzburger Landestheater an: «Weeeeeelt!» Man ahnt schon: Der Abend dürfte länger werden als üblich. Eigentlich sind «Die Perser» ja nicht nur das älteste überlieferte Drama der Theatergeschichte, sondern auch eines der kürzesten. Für die 1000 Verse braucht es normalerweise keine zwei Stunden; Michael Thalheimer, der das Stück 2017 im Wiener Akademietheater inszenierte, benötigte überhaupt nur 75 Minuten. In Salzburg hingegen dauern «Die Perser», inklusive Pause, fast vier Stunden.

Regisseur Ulrich Rasche hat sich in den letzten Jahren als Chorführer und Chefmaschinist des deutschsprachigen Theaters etabliert. Aus den Texten werden bei ihm Partituren für Sprech-Oratorien, und dafür nimmt er sich die Zeit, die es braucht. Die von ihm selbst gestalteten Bühnenbilder sind technisch aufwendige, optisch spektakuläre Konstruktionen, die Schauspielerinnen und Schauspieler buchstäblich auf Trab halten. In Schillers «Räubern» (München 2016) waren es gigantische Förderbänder, auf denen sich die Akteure behaupten mussten, in Büchners «Woyzeck» stand eine riesige Drehscheibe im Mittelpunkt des Geschehens. In den «Persern», einer Koproduktion der Salzburger Festspiele mit dem Schauspiel Frankfurt, sind es nun zwei Scheiben, die so viel Platz einnehmen, dass sie gerade noch auf die Bühne des Landestheaters passen.

«Die Perser» sind das erste Zeitstück aller Zeiten. Aischylos verarbeitet darin keinen mythologischen Stoff, sondern einen aktuellen: die Seeschlacht von Salamis, die bei der Uraufführung erst acht Jahre zurücklag und an welcher der Tragödiendichter auf Seiten der siegreichen Griechen selbst teilgenommen hatte. Bemerkenswert ist auch, dass Aischylos die Ereignisse aus der Perspektive der Besiegten schildert. Nur Perser kommen zu Wort, sie beklagen ihre vernichtende Niederlage und ihre 300.000 Toten. Der junge Perserkönig Xerxes, der für das Desaster verantwortlich ist, kommt zwar nicht gut weg; aber Aischylos verhöhnt die Unterlegenen nicht. Sein Drama ist eher als Warnung an das Athener Publikum zu verstehen: Seht, wohin es führen kann, wenn die Hybris regiert.

Die chorische Form der griechischen Tragödie kommt Rasches Theater entgegen. Interessanterweise hat er den Chor allerdings nicht nur weiblich, sondern auch solistisch besetzt – also so, wie das heute meist gemacht wird: Nur zwei Darstellerinnen, Katja Bürkle und Valery Tscheplanowa, bilden den persischen Ältestenrat; Tscheplanowa übernimmt nach der Pause auch noch den Geist des Königs Dareios. Der Platz der Schaupielerinnen ist die vordere Drehscheibe, wo auch Patrycia Ziolkowska als Königsmutter Atossa ihre Runden dreht. Chorisch ist hingegen die Rolle des Boten angelegt: Eine 15 Mann starke Kompanie marschiert auf der hinteren Drehscheibe auf; damit die Schauspieler auf der oft stark geneigten Spielfläche nicht abrutschen, sind sie angeseilt. Was bei Aischylos nur geschildert wird, wird hier performt: Es ist das Heer selbst, das von seinem Untergang berichtet.

Das Tempo der streng getakteten Inszenierung ist getragen, auch Wiederholungen bestimmter Themen sind für die ungewöhnliche Spieldauer verantwortlich. Die spektakulärste Szene ist der mehr als eine Stunde lange Botenbericht – ein einziges, von live gespielten Minimal-Music-Rhythmen (Musik: Ari Benjamin Meyers) befeuertes Inferno-Crescendo. Die Szene ist präzise choreografiert und komponiert, aber sie zielt – auch mit Stroboskoplicht und Live-Videobildern – so deutlich auf Überwältigung, dass sich der gewünschte Effekt nicht recht einstellen mag. Wenn 15 Männer mit nackten Oberkörpern martialisch marschieren und mechanisch skandieren, ist der Grat zwischen Katharsis und unfreiwilliger Komik eben schmal.

Viel stärker als solche szenische Kraftmeierei sind die ruhigeren Passagen auf der Frauen-Scheibe. Wie Bürkle, Tscheplanowa und Ziolkowska auf der sich langsam drehenden Spielfläche den Text buchstäblich ausschreiten, wie sie den Rhythmus der Verse – gespielt wird die geschmeidige Nachdichtung von Durs Grünbein – auf ganz organische Weise verkörperlichen, wie sich die Verzweiflung in ihren leeren Blicken abbildet: Das ist großes Theater. Der Rest ist zu oft vor allem lautes Theater.

Wolfgang Kralicek 

Die Inszenierung ist ab 28. September am Schauspiel Frankfurt zu sehen.