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Die letzteKritik: «Kindeswohl»

Abschied von Kurt Scheel

Als wir «Das TheaterMagazin» begannen, las ich per Zufall Kurt Scheels kurze Einschätzung der gehypten Serie «Berlin Babylon» in Michael Rutschkys Blog «Das Schema». Scheels knappe und präzise – negative – Einschätzung teilte ich. Und ich war zugleich verblüfft, dass der eingeschworene Printredakteur und sehr wenig, dabei immer brillant schreibende Autor Kurt Scheel tatsächlich «im Internet» veröffentlichte. Also traute ich mich, ihn zu fragen, ob er für «Das TheaterMagazin» schreiben wolle. Und siehe da: Er wollte. 

Kurt Scheel ging dafür meist am Freitag oder am Wochenende ins Kino, sobald ein Film neu anlief, der ihm perspektivisch gefallen konnte, und schrieb dann so, dass sein Text eine Woche nach Filmstart bei uns erschien – ein Mangel an Aktualität, den wir in Kauf nahmen, weil Scheel ein immenses Wissen und seinen sehr eigenen Ton hatte, der Leser direkt ansprach und leichthändig in die Filmgeschichte (ver-)führte. Wenn es keinen neuen Streifen gab, schrieb er, so war unsere Verabredung, auch über Klassiker, meistens Lieblingsfilme, mitunter auch über – in seinen Augen – symptomatische, also lehrreiche filmische Fehltritte. 

Für die Januar-Ausgabe von «Das TheaterMagazin» verfasste er seine autobiographischen «Bekenntnisse eines Kinogehers».

24 Filme hat Kurt Scheel in den vergangenen 12 Monaten für «Das TheaterMagazin» besprochen, 2 im Monat. Es sollten mehr werden, so unser Plan. Dabei versuchte ich zugleich, ihn auch sanft in Richtung Aktualität zu manövrieren: 

 

Lieber Herr Scheel,
würden Sie zu einer «Pressevoraufführung» von «Kindeswohl» gehen? Und dann so schreiben, dass wir mit Film-Start am 30.08. eine Rezension veröffentlichen können? Oder ist Ihnen das als Kinogänger (und Nicht-Filmkritiker…) zuwider?

Herzlich, Ihr Michael Merschmeier  (12. Juni)

 

Lieber Herr Merschmeier,
es ist an die zwanzig Jahre her, dass ich zuletzt in einer Pressevorführung war, ich könnte es ja wieder einmal probieren. Und da ich gerne Romane von McEwan lese und die Hauptdarsteller mag, darf ich hoffen, dass sogar ein Film mit dem Titel «Kindeswohl» mir gefallen könnte.

Herzlich Ihr Kurt Scheel (12. Juni)

 

Lieber Herr Merschmeier,
am Freitag ist die Pressevorführung von «Kindeswohl» im Delphi Lux um 10 Uhr, bin ich da angemeldet und zugelassen? Muss ich ein geheimes Passwort oder eine geheime Superzahl nennen, um reinzukommen?

Die erste Pressevorführung meines Lebens fand Mitte der sechziger Jahre statt, in dem Edelkino Streit’s Haus am Hamburger Jungfernstieg, ich war so sechzehn, siebzehn Jahre alt und stolz wie ein Spanier, als ich die Einladungskarte am Einlass vorwies – tempi passati!

Herzlich Ihr Kurt Scheel (18. Juni) 

 

Am 31. Juli endete Kurt Scheels Leben im Alter von 70 Jahren. Seine hier folgende Rezension von «Kindeswohl» schickte er per Mail am 12. Juli. Wir haben wie immer nur ein paar Kommata gegen Punkte ausgetauscht. Es ist Original-Ton Scheel!

«Kindeswohl»

Gleich zu Beginn des Films sieht man Fotos von siamesischen Zwillingen und wird mit der Frage konfrontiert, ob man sie sterben lassen soll, was bald passieren wird, wenn man sie nicht operativ trennt; oder ob man das eine Wesen bei der Operation tötet, um das andere, mit großer Wahrscheinlichkeit, am Leben zu erhalten.

Die vernünftige Lösung liegt auf der Hand; die Eltern der Zwillinge aber sind nicht vernünftig, denn AUS RELIGIÖSEN GRÜNDEN sind sie gegen die Operation, also muss die Vernunft der Gesellschaft in Gestalt der Richterin Fiona Maye (Emma Thompson) eingreifen.

Gegen religiöse Überzeugungen als Hort irrationaler, manchmal geradezu idiotisch-alberner Gebote (welche Speisen rein oder unrein sind, warum man Kinder nicht impfen lassen darf) darf die liberale Gesellschaft freilich kaum etwas unternehmen, weil religiöser Aberglaube bei uns privilegiert wird, wenn er nicht gleich sakrosankt ist. Aus guten historischen Gründen: Wer Elektrizität für Teufelswerk hält, weil sein Gott sie in der jeweiligen heiligen Schrift als unrein erklärt, wird lieber in den Krieg ziehen oder seinen Sohn opfern, als das Licht der Aufklärung anknipsen. 

Damit muss man, leider, in liberalen Demokratien leben, resignative Toleranz, aber sich mit solchen Problemen auch noch freiwillig und sozusagen grundlos beschäftigen? Im Kino?! Da kommt «Kindeswohl» (2017, Richard Eyre, im Original nicht ganz so betulich «The Children Act») gerade recht, denn der Film hat ein hervorragendes Preis-Leistungsverhältnis, er dauert nur 105 Minuten und ist, wie die Deutsche Film- und Medienbewertung schwärmt, «gesellschaftlich hochrelevant», auf «handwerklich höchstem Niveau» und von «bestechender Eleganz» – stimmt alles! «Im Zentrum aber steht die darstellerische Leistung der Schauspieler, allen vorweg Emma Thompson und Stanley Tucci. Der Film verlässt sich weniger auf seinen geradlinigen Plot als auf die Kraft der Bilder, Gesten und Klänge. Existentielle Probleme werden so stets emotional plausibel erzählt: Eyre bietet visuelles und auditives Erzählen auf beispielhaftem Niveau.»  

Das Prädikat «besonders wertvoll» ist also redlich verdient, und die Filmbewertungsstelle bringt es auf den Punkt, ich hätte es nicht besser sagen können, und das ist nicht sarkastisch gemeint! Denn es handelt sich um eine grundsolide BBC-Produktion, das Drehbuch ist von Ian McEwan nach seinem Roman, alles also von erstklassiger Qualität und gleichzeitig umweltschonend, quasi der verfilmte Manufactum-Katalog, kein Furnier, nur Echtholz! Wer seiner staatsbürgerlichen Pflicht nachkommen und einen Film sehen will, «der klug die Rolle der Justiz und der Religion durchdekliniert», ist hier goldrichtig! Denn der Hauptplot des Films ist sorgfältig und verantwortungsvoll ausgedacht, zentimetergenau ausgemessen: ein leukämiekranker Fast-Volljähriger, der im Einklang mit seinen Eltern, Zeugen Jehovas, eine lebensrettende Bluttransfusion verweigert, AUS RELIGIÖSEN GRÜNDEN, weshalb sich die gesellschaftliche Vernunft in Gestalt der Justiz und also unserer guten Richterin Fiona des Falls annehmen muss. 

Dass sich der junge Mann (Fionn Whitehead) – im Roman spielt er Geige, im Film leider nur Gitarre – dann in die Richterin verliebt usw., deren Ehemann (Tucci) ihr ankündigt, nunmehr fremdgehen zu wollen (seit elf Monaten kein Geschlechtsverkehr!), weil Fiona mehr mit ihrem Beruf als mit ihm verheiratet sei, ist plottechnisch vielleicht ein Sahnehäubchen und des Guten zuviel, aber meinetwegen, wenn es beim Durchdeklinieren hilft. Dies ist Old-School-Erzähl-und-Schauspieler-Kino, schonend zubereitet mit allerbesten Zutaten aus regionalem Anbau, glutenfrei, und es ist wirklich reine Geschmackssache, ob man «Kindeswohl» wunderbar oder abscheulich findet, wahrscheinlich wäre es am klügsten, beides zu empfinden, und zwar gleichzeitig. Ich kann den Film also ehrlichen Herzens empfehlen, Sie sollten ihn sich anschauen, Sie werden ihn, so oder so, nicht so bald vergessen; state of the art. Es gibt sie noch, die guten Dinge.

Kurt Scheel