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Rezensionen August 2022

Foto: Jerome Seron

Robyn Orlin «We wear our wheels with pride ...» bei Tanz im August

Das Rikscha-Stück widmet sich einer problematischen Geschichte: «Diese von Männern gezogenen Kutschen wurden vor meiner Geburt eingeführt. Die Eigentümer waren Weiße, meist Briten und auch ein paar Deutsche. Als die Autos aufkamen, mussten die Rikschas sich neu erfinden und wurden zu einer farbenfrohen Attraktion für Tourist*innen.» Robyn Orlins Eltern besaßen ein Auto, und sie hat nie in einer Rikscha Platz genommen, sagt sie. Ihre Mutter Rhoda war eine progressiv orientierte Choreografin, die mit der farbigen Bevölkerung arbeitete. Aus den abgefahrenen Reifen der Autos ihrer Peiniger machten die Rikscha-Fahrer Sandalen. In Orlins kindlichen Augen schienen sie zu schweben, und vor allem: zu tanzen, wie nun auf der Bühne, wo manche Performer*innen sich an eine bunt dekorierte Beleuchterstange klammern, die vom Schnürboden herabschwebt, und zu schwebenden Rikscha-Tänzern mutieren. Orlin erinnert sich an Kindheitseindrücke: «Sie schwangen auf und nieder. Es wirkte auf mich, als hätten sie Spaß an den Fahrten.» Zumindest die bunten Kostüme aus Federn, Perlen, Fransen, die traditionellen Zulu-Motiven entsprangen, erweckten den Eindruck von Lebensfreude. Dass es auch darum ging, in einem Wettstreit mit Kollegen und Konkurrenten die eigene Würde zu bewahren und über den KuhhörnerKopfputz die Realität des eigenen Status anzuklagen, das verstand Orlin damals noch nicht. Dass sie es heute versteht, hilft allerdings auch nicht bei der Herstellung sozialer Gerechtigkeit. «In Südafrika steckt man immer in der Falle, die Geschichte zu kennen und doch nichts für die Apartheid-Opfer tun zu können, auch wenn man versteht, wo die Ursachen der Probleme liegen.» Doch Kunst ist nicht Politik, die Probleme sofort lösen soll. Kunst arbeitet auf lange Sicht.

Die gesamte Rezension von Thomas Hahn lesen Sie in tanz 8-9 2022