Inhalt

Komplett verblüffend

Die Schauspielerin Svenja Liesau

Nach dem Abitur – während sie ihren Lebensunterhalt beim Magdeburger McDonalds erjobbte – bewarb sich Liesau an diversen Schauspielschulen, bis sie, im zweiten Anlauf, an der Berliner Hochschule für Schauspielkunst «Ernst Busch» aufgenommen wurde. Anschließend ging es direkt steil nach oben: Klaus Dörr, damals Geschäftsführer des Maxim Gorki Theaters und zusammen mit dem Intendanten Armin Petras bereits auf dem Sprung ans Schauspiel Stuttgart, sah Liesau beim Absolvent:innenvorsprechen und lud sie schon mal perspektivisch zum Vorsprechen für die Baden-Württembergische Staatstheaterbühne ans Gorki ein, wo sie einen derart durchschlagenden Bewerbungsauftritt hingelegt haben muss, dass das Telefon vorfristig klingelte: Ob sie vor ihrem Stuttgarter Engagement nicht noch in die eine oder andere Rolle in der letzten Petras-Spielzeit am Gorki einspringen wolle?

Die Idee war gut, aber das Timing schlecht: Liesau war gerade Mutter geworden und hatte keine Ahnung, wie das in dieser Situation funktionieren sollte: abends auf der Bühne zu stehen. Zugesagt hat sie trotzdem, sofort, ohne zu überlegen. So wurde sie auf den letzten Metern der Spielzeit 2012/13 noch Ensemblemitglied am Berliner Gorki, bevor sie ihre Koffer packte für den «Punk in Stuttgart», den Armin Petras für seine dortige Intendanz angekündigt hatte. «Nicht meine Stadt», sagt die Schauspielerin im Rückblick, «aber das Theater war die ersten drei Jahre wirklich super» – auch, wenn Liesau bis heute nicht weiß, wie sie das eigentlich alles gemanagt hat. Manchmal telefonierte sie noch bis zum späten Nachmittag sämtliche Freund:innen und Kolleg:innen durch, während die Zeit bis zur Abendprobe herunterlief: «Hey, ich hab’ noch niemanden für meine Tochter!» Kaum ein Ensemblemitglied, das sich nicht mehrfach als Babysitter betätigt hätte – von den Ankleiderinnen im Theater, bei denen Liesaus Tochter sich als brave Garderobenschläferin beliebt machte, ganz zu schweigen.

In Stuttgart entstanden wichtige Abende mit Regisseuren wie Armin Petras, Martin Laberenz, Sebastian Baumgarten – und: Christopher Rüping. Rüping, schwärmt Liesau, denke Theater genau wie sie: «Dass man diese Stücke alle völlig anders erzählen kann, dass alle Figuren im Fokus stehen und ihre eigene Perspektive haben können, dass jedes Ende möglich ist und man alles auseinanderrupfen und wieder zusammenfügen kann.» Dass die Wertschätzung auf Gegenseitigkeit beruht, ist Rüping deutlich anzuhören, als er am Telefon von seiner ersten Arbeit mit Liesau erzählt: «Das Fest» nach dem Dogma-Film von Thomas Vinterberg, das 2015 auch zum Theatertreffen eingeladen war. In der Inszenierung gab es keine eindeutigen Figurenzuordnungen; die sechs Darsteller:innen – neben Liesau Maja Beckmann, Paul Grill, Pascal Houdus, Matti Krause und Christian Schneeweiß – reichten sich die Rolle des Missbrauchsopfers und Anklägers Christian auf offener Bühne gewisser maßen hin und her.

Er erinnere sich noch gut daran, erzählt Rüping, wie «komplett verblüffend» es für ihn war, «dass der aggressivste und schärfste, sozusagen der roheste Christian ausgerechnet aus Svenja herauskam». In Liesaus Darstellung seien «konkrete psychologische Konflikte, die man auch filmisch spielen könnte, in eine Theatralität und Größe gekippt, die von ihr nicht gebremst wurden, nicht herunterpsychologisiert», sagt Rüping und kommt vom konkreten Abend zum Generellen: «Was ich an Svenja unglaublich bewundere und künstlerisch wahnsinnig aufregend finde, ist dieses Unverbiegbare, Unkorrumpierbare, nicht Wohltemperierte, das da existiert; die Lust zur Kantigkeit und eben zum Großen an Stellen, die man herkömmlicherweise klein denken würde – und umgekehrt.»

Das gesamte Porträt von Christine Wahl lesen Sie in Theater heute 8-9 2022