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Arbeit am Mythos

Bettina Wagner-Bergelt über ihre Arbeit am Tanztheater Wuppertal

Mit wie vielen Pina-Bausch-Kennern mussten Sie sich auseinandersetzen?
Ganz am Anfang mit vielen. Ich kannte einige damals aus München ...

... wo Sie bis 2015 Vizedirektorin und Dramaturgin des Staatsballetts waren.
Genau, und wir haben Pinas «Für die Kinder von gestern, heute und morgen» nach München geholt. Das hatten ihre Tänzer, Tänzerinnen einstudiert, und die waren mir dann vertraut, das tat gut. Ich habe dann aber in Wuppertal gemerkt, dass alle – die, die noch tanzen und sogar die Ehemaligen – gewohnt waren, um alles gefragt zu werden, zu allem etwas zu sagen. Was Pinas Arbeit gefehlt hat – und meine Erfahrung hat das bestätigt – war der Blick von außen, den von innen hatten ja alle. Es ist ein Unterschied, ob man ein Stück wie ich als Dramaturgin, analytisch, von außen sieht und fragt, wo hakt es, wo stimmt es nicht mehr, warum wird es hier fantastisch, da zur schlechten Kopie? Das haben manche mir übelgenommen – ich hätte keinen Respekt vor den Älteren, würde ihre Meinung nicht wichtig nehmen. Ich hörte zu, aber um dann selbst zu entscheiden. Vor allem bei den Besetzungen, den persönlichen Weiterentwicklungen für die mittlere und junge Tänzergeneration, der Stückauswahl, den externen Künstlern und Künstlerinnen. Das ist nicht überall auf Sympathie gestoßen. Aber meine Entscheidungen sind ja aufgegangen.

Es geht vielen in dieser Community um die Bewahrung des Bausch-Erbes, also die Wiederaufführung ihrer Stücke. Ist das so einfach wie es sich anhört?
Ich denke schon. Ich glaube, was im Weg gestanden hat, war der Mythos, Pinas Stücke seien unaufführbar von neuen Menschen. Dabei hat sie selbst in einem Interview mit Eva-Elisabeth Fischer in Venedig schon sehr früh gesagt, das passiere ja immer wieder. Es müssten Leute einspringen, weil jemand krank sei. Es sind immer Tänzer gegangen, die ersetzt werden mussten. Aber es ist natürlich ein Unterschied: Sie hat entschieden, wer tanzt, ob und wie das den «Platz» verändert. Jetzt entscheiden wir. Aber das ist kein Hexenwerk. Wir haben sieben junge Leute aus 1400 Bewerbungen engagiert in den letzten drei Jahren, klassische Tänzer und Tänzerinnen. Die tanzen das alle wunderbar. Die müssen natürlich auch darin wachsen. Aber ich bin überzeugt, dass Pinas Stücke auch nicht immer schon zur Premiere großartig waren. Die waren ja auch jung. Was immer noch eine große Aufgabe ist, ist die Übergabe von denen, die kreiert haben und genau wissen, woher das ganze Material kam, wie die Situation war, an diejenigen, die es übernehmen. Das Wissen zugänglich zu machen, aber keine langweilige Kopie herzustellen, mit Mut – das ist die Herausforderung.

Das gesamte Interview von Claudia Henne lesen Sie in tanz 8-9 2022