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Rezensionen

Kate Lindsey: Tiranno

Auf Kate Lindsays neuestem, dramaturgisch durchdachten Album mit dem furchterregenden Titel «Tiranno», erkennt man die US-Amerikanerin kaum wieder, so böse, ja geradezu mordlustig schaut sie in die Kamera. Nach wenigen Tönen von Alessandro Scarlattis Kammerkantate «Il Nerone» hat man jedoch das irritierende Bild verdrängt. Lindseys Mezzo besitzt dieses gewisse, verführerisch irisierende Fluidum, das den Hörer augenblicklich zu fesseln vermag; dazu eine Direktheit der Deklamation, die einem, sobald sie als Nero einen ihrer Zornesanfälle bekommt, schauderhaft über den Rücken fährt. Auch anderes wird hier schnell klar: Um Wohllaute ist es weder Lindsey noch dem hochkonzentriert und nuanciert musizierenden Ensemble Arcangelo unter der Leitung von Jonathan Cohen zu tun. Radikal rustikal rattern die Koloraturen der Solistin in den ersten beiden Arien dahin, begleitet von knackigen instrumentalen Punktierungen und Akzenten. Kein Wunder, wenn man weiß, dass Nero die in seinem Reich herrschende Grausamkeit besingt. Doch auch zum Zyniker taugt dieser psychisch labile Charakter. In der Arie «Veder chi pena» klingt Lindseys Stimme so sanft und weich wie ein frisch gewaschenes Frotteetuch und schweben die Vokalisen schwerelos durch den Raum, als sei das Kapitol der schönste Ort der Welt; dabei macht sich hier ein Herrscher nur lustig über das Leiden seiner Untertanen.

Die gesamte Rezension von Jürgen Otten lesen Sie in Opernwelt 8/21

Kate Lindsey: Tiranno
Kate Lindsey (Mezzosopran), Arcangelo, Jonathan Cohen
Alpha Classics 736 (CD); AD: 2020