Aufgeben? Zurückziehen? Nein, solche Überlegungen scheinen Nele Hertling völlig fremd zu sein. Sie sitzt mit ihren 84 Jahren in der Arbeitsgruppe «Räumliche Infrastruktur», eingerichtet vom «Runden Tisch Tanz» in Berlin, um mit anderen Gremien ein Zukunftskonzept für den Tanz zu entwickeln. Dass dieser Prozess «partizipativ» angelegt ist, ist (bis auf den neudeutschen Sprech) nicht wirklich neu. Aber dass der Berliner Senat dafür Geld bereitgestellt hat und sich gelegentlich Kulturpolitiker zu den Sitzungen einfinden, das ist neu. So viel Tuchfühlung ist selbst für die mit allen kulturpolitischen Wassern gewaschene Nele Hertling ungewohnt. Sie sitzt wie immer lieber in der zweiten als in der ersten Reihe und hört zu. Ab und zu ergreift sie das Wort und bringt ihre Erfahrungen aus einem halben Jahrhundert ein. Für sie müssen die Auseinandersetzungen um die richtige Strategie das eine oder andere Déjà-vu heraufbeschwören. Ungezählte Stunden hat sie mit wechselnden Partnern über Tanz diskutiert. Vor und hinter den Kulissen. Nicht nur in Berlin. Ob sie die politische Naivität mancher Akteure mit den Jahren nicht doch mal nervt, lässt sie nicht erkennen. Allenfalls in Gesprächen mit Vertrauten zeigt sie sich hier und da verwundert. Nele Hertling ist Diplomatin. Das hat manche dazu verführt, sie zu unterschätzen. Ein großer Fehler. Sie war erfindungsreich und konnte hart sein, wenn es darum ging, ihre Vorstellungen durchzusetzen. Und die haben nicht alle geteilt. Unbeirrt blieb sie dabei: Künstler fördern und Politiker überzeugen. Ob Wort, Musik, Bild, Bewegung, Nele Hertling hat die unterstützt, die nach neuen Ausdrucksformen gesucht, Grenzen eingerissen haben. Das treibt sie von jeher an, und von dieser Haltung rückt sie auch in Zeiten der Erfolgsorientierung, der Quotenbesessenheit, die längst im Kulturbetrieb angekommen ist, nicht ab. Dieses unermüdliche Engagement macht sie in den Augen vieler zur «Grande Dame der Off-Kultur» – na gut würde sie sagen, aber als «Theaterpäpstin» bezeichnet zu werden, das mag sie nicht. Sie hält nichts von gottgegebenen Autoritäten, die niemand hinterfragen darf.
Geboren wurde Nele Hertling am 23. Februar 1934 in ein bürgerliches, weltoffenes Elternhaus in Berlin-Zehlendorf. Ihr Vater Hanning Schröder, Sohn eines Rostocker Kapitäns, hatte Violine, Bratsche und Komposition studiert, interessierte sich für Hindemith, Schönberg, die Zwölftonmusik. Die Mutter, Cornelia Schröder-Auerbach, stammte aus einer jüdischen Musikerfamilie in Breslau und ist in Jena, inmitten der Moderne, aufgewachsen. Sie spielte Klavier, promovierte als erste Frau in Deutschland im Fach Musikwissenschaft. Sie und ihr Mann erlebten in der Weimarer Republik die Sprengung der gesellschaftlichen und ästhetischen Konventionen – und lebten sie auch. Mit der Machtergreifung Hitlers 1933 war der Vater – er hatte mit Paul Dessau und Hanns Eisler gearbeitet – über Nacht zu «links», und die Mutter als Jüdin sowieso nicht mehr gesellschaftsfähig: Berufsverbot, Ausschluss aus der Reichsmusikkammer. In dieser bedrohlichen, ungewissen Situation wurde Nele groß. Sie floh 1944 mit der Mutter (ohne Vater) in ein kleines mecklenburgisches Dorf, wo Cornelia Schröder-Auerbach als Organistin in einer protestantischen Pfarrei unterkam. Nicht aufgeben, das hat Nele von Kindesbeinen an gelernt. Sie legte in Rostock das Abitur ab und wollte zum Studium zurück nach Berlin, an die Humboldt-Universität. Aber ihr Vater, der den Krieg in Berlin als Orchestermusiker überlebt hatte, wohnte im Westteil der Stadt – ein Problem. Denn die ideologischen Kämpfe um das bessere Deutschland waren längst entbrannt. 1953 bekam sie die Zulassung und begegnete während des Studiums an der Philosophischen Fakultät den geistigen Größen jener Zeit: Walter Felsenstein, Hans Mayer, Victor Klemperer, Ernst Bloch. Sie erlebte die politische Verfolgung von Kommilitonen, die Bevormundung und Unterdrückung der Künste, die Willkür des SED-Regimes. Das kannte sie schon. 1957 legte sie ihr Examen als Diplomphilosophin ab. Sie lernte den Architekten Cornelius Hertling kennen, die beiden heirateten und lebten nach einem kurzen Intermezzo in London wieder in Berlin, in West-Berlin.