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Nele Hertling

Die Berliner Grande Dame des Tanzes

Von Claudia Henne

Aufgeben? Zurückziehen? Nein, solche Überlegungen scheinen Nele Hertling völlig fremd zu sein. Sie sitzt mit ihren 84 Jahren in der Arbeitsgruppe «Räumliche Infrastruktur», eingerichtet vom «Runden Tisch Tanz» in Berlin, um mit anderen Gremien ein Zukunftskonzept für den Tanz zu entwickeln. Dass dieser Prozess «partizipativ» angelegt ist, ist (bis auf den neudeutschen Sprech) nicht wirklich neu. Aber dass der Berliner Senat dafür Geld bereitgestellt hat und sich gelegentlich Kulturpolitiker zu den Sitzungen einfinden, das ist neu. So viel Tuchfühlung ist selbst für die mit allen kulturpolitischen Wassern gewaschene Nele Hertling ungewohnt. Sie sitzt wie immer lieber in der zweiten als in der ersten Reihe und hört zu. Ab und zu ergreift sie das Wort und bringt ihre Erfahrungen aus einem halben Jahrhundert ein. Für sie müssen die Auseinandersetzungen um die richtige Strategie das eine oder andere Déjà-vu heraufbeschwören. Ungezählte Stunden hat sie mit wechselnden Partnern über Tanz diskutiert. Vor und hinter den Kulissen. Nicht nur in Berlin. Ob sie die politische Naivität mancher Akteure mit den Jahren nicht doch mal nervt, lässt sie nicht erkennen. Allenfalls in Gesprächen mit Vertrauten zeigt sie sich hier und da verwundert. Nele Hertling ist Diplomatin. Das hat manche dazu verführt, sie zu unterschätzen. Ein großer Fehler. Sie war erfindungsreich und konnte hart sein, wenn es darum ging, ihre Vorstellungen durchzusetzen. Und die haben nicht alle geteilt. Unbeirrt blieb sie dabei: Künstler fördern und Politiker überzeugen. Ob Wort, Musik, Bild, Bewegung, Nele Hertling hat die unterstützt, die nach neuen Ausdrucksformen gesucht, Grenzen eingerissen haben. Das treibt sie von jeher an, und von dieser Haltung rückt sie auch in Zeiten der Erfolgsorientierung, der Quotenbesessenheit, die längst im Kulturbetrieb angekommen ist, nicht ab. Dieses unermüdliche Engagement macht sie in den Augen vieler zur «Grande Dame der Off-Kultur» – na gut würde sie sagen, aber als «Theaterpäpstin» bezeichnet zu werden, das mag sie nicht. Sie hält nichts von gottgegebenen Autoritäten, die niemand hinterfragen darf. 

Geboren wurde Nele Hertling am 23. Februar 1934 in ein bürgerliches, weltoffenes Elternhaus in Berlin-Zehlendorf. Ihr Vater Hanning Schröder, Sohn eines Rostocker Kapitäns, hatte Violine, Bratsche und Komposition studiert, interessierte sich für Hindemith, Schönberg, die Zwölftonmusik. Die Mutter, Cornelia Schröder-Auerbach, stammte aus einer jüdischen Musikerfamilie in Breslau und ist in Jena, inmitten der Moderne, aufgewachsen. Sie spielte Klavier, promovierte als erste Frau in Deutschland im Fach Musikwissenschaft. Sie und ihr Mann erlebten in der Weimarer Republik die Sprengung der gesellschaftlichen und ästhetischen Konventionen – und lebten sie auch. Mit der Machtergreifung Hitlers 1933 war der Vater – er hatte mit Paul Dessau und Hanns Eisler gearbeitet – über Nacht zu «links», und die Mutter als Jüdin sowieso nicht mehr gesellschaftsfähig: Berufsverbot, Ausschluss aus der Reichsmusikkammer. In dieser bedrohlichen, ungewissen Situation wurde Nele groß. Sie floh 1944 mit der Mutter (ohne Vater) in ein kleines mecklenburgisches Dorf, wo Cornelia Schröder-Auerbach als Organistin in einer protestantischen Pfarrei unterkam. Nicht aufgeben, das hat Nele von Kindesbeinen an gelernt. Sie legte in Rostock das Abitur ab und wollte zum Studium zurück nach Berlin, an die Humboldt-Universität. Aber ihr Vater, der den Krieg in Berlin als Orchestermusiker überlebt hatte, wohnte im Westteil der Stadt – ein Problem. Denn die ideologischen Kämpfe um das bessere Deutschland waren längst entbrannt. 1953 bekam sie die Zulassung und begegnete während des Studiums an der Philosophischen Fakultät den geistigen Größen jener Zeit: Walter Felsenstein, Hans Mayer, Victor Klemperer, Ernst Bloch. Sie erlebte die politische Verfolgung von Kommilitonen, die Bevormundung und Unterdrückung der Künste, die Willkür des SED-Regimes. Das kannte sie schon. 1957 legte sie ihr Examen als Diplomphilosophin ab. Sie lernte den Architekten Cornelius Hertling kennen, die beiden heirateten und lebten nach einem kurzen Intermezzo in London wieder in Berlin, in West-Berlin. 

Nele Hertling musste sich neu orientieren. Ihre alten Zusammenhänge waren zerstört und nach dem Bau der Mauer 1961 war sowieso alles anders. Berlin war über Nacht eine geteilte Stadt und zum Schauplatz des Kalten Kriegs geworden. 1962 stieg sie als wissenschaftliche Mitarbeiterin in die wieder gegründete Akademie der Künste West ein und erlebte im neu gebauten Haus am Hanseatenweg die internationale Avantgarde: Kunst, Musik, Tanz, und, und, und... Wer wissen wollte, was gerade angesagt war, ging in die Akademie der Künste. Nele Hertling war mit Haut und Haaren dabei. Und die Familie? Die Hertlings hatten mittlerweile drei Kinder. Die musste mitziehen. Die Sommerferien in der Provence ließen sich im Juli mit dem Festival von Avignon verbinden, wo sich Nele Hertling auf dem Laufenden hielt und natürlich «tout le monde» kennenlernte. In Berlin begleitete sie oft ihr Mann. Cornelius Hertling war wie sie neugierig auf das Neue in der Kunst. Die große Wohnung, die sie in einer alten Villa am Wannsee bezogen hatten, wurde zum geselligen Treffpunkt. Nele Hertling weiß neben dem Kopf auch den Magen zu überzeugen. 

1975 rief sie an der Akademie der Künste gemeinsam mit ihrem Kollegen Dirk Scheper die internationale Gastspielreihe «Pantomime Musik Tanz Theater» ins Leben und war bestens vorbereitet, als ihr der West-Berliner Kultursenator Volker Hassemer 1987 die künstlerische Leitung des Europäischen Kulturstadtjahres anvertraute. Sie ernannte West-Berlin kurzerhand zur «Werkstatt», beteiligte Akteure aus allen Künsten und eroberte 1988 mit ihrem kleinen Team verlassene, leere Räume, Freiräume für Experimente aller Art. Kulturpolitisch war «E 88» umstritten, West-Berlin nach der teuren 750-Jahr-Feier 1987 erschöpft und großer Projekte überdrüssig. Aber Nele Hertling ließ sich nicht entmutigen – wie immer. Sie hat viel Geduld, wenn es um die Durchsetzung ihrer Ziele geht. Als Volker Hassemer dann Ende 1988 das noch nicht ganz wach geküsste Hebbel-Theater an der Mauer ihrer Obhut übergab, wurde der Protest noch einmal laut. Ohne Ensemble, ohne Repertoirebetrieb, mit kleiner Verwaltung? Das konnte doch nichts werden! Nele Hertling, 54 Jahre alt, sah gerade in diesen vermeintlichen Nachteilen ihre Chance. Sie setzte auf internationale Gastspiele, Koproduktionen, baute ein internationales Veranstalter-Netzwerk auf und zeigte im Hebbel-Theater bis 2003 «tanz.musik.theater», sozusagen die jungen Wilden der performing arts. «Geht nicht gibt’s nicht» galt im Haus an der Stresemannstraße.

Robert Wilson zum Beispiel erinnert sich sehr genau daran, dass er ohne diese Kunst-Verrückte und ihr kleines Team nie seine besonderen Produktionen hätte realisieren können. «For Nele a National Treasure For Germany and the World» schrieb ihr der Theatermacher zum 80. Geburtstag, Und noch eine Chance nahm sie sofort wahr. Das eigene Haus erlaubte ihr aus der 1988 organisierten «Tanz-Werkstatt» gemeinsam mit Ulrike Becker und André Theriault ein Festival zu entwickeln. Prompt etablierte sie mit der ihr eigenen Zähigkeit den «Tanz im August». Der Ignoranz der Berliner Kulturpolitik zum Trotz. Wären Merce Cunningham, Trisha Brown oder Lucinda Childs ohne ihre wiederkehrenden Einladungen hier so bekannt geworden? Hätte Gerhard Bohner ohne sie seine Choreografien erarbeiten und zeigen können? Sie förderte Künstler und Künstlerinnen, egal ob sich Publikum einstellte oder die Kritik schimpfte. Nele Hertling ist eine treue Partnerin. Noch heute trifft sie sich mit ihrer «zweiten Familie» aus Hebbel-Theater-Zeiten zum Essen. 

Als Berlin nach der Wende über Nacht in die Schuldenfalle rauschte, nach heftigen Auseinandersetzungen aus drei Ballettkompanien eine zusammengespart worden war und die zeitgenössische Tanzszene größer und internationaler wurde, suchte sie mit wachem Blick nach Produktionen aus den Ländern jenseits der Oder, bereitete unerfahrene Tänzer und Choreografinnen mit ihrem know-how auf die neuen Verhältnisse vor. Überhaupt Europa. Nele Hertling engagiert sich seit Jahren für diese Utopie, startete 2004 mit Hassemer und anderen die Initiative «A Soul for Europe». Als Leiterin des Berliner Künstlerprogramms des DAAD (2003-2006) hielt sie nach neuen künstlerischen Formen, neuen Talenten Ausschau. Nele Hertling war und ist immer mittenmang, wie’s in Berlin heißt, eine geborene Netzwerkerin. 2006 kehrte sie an die Akademie der Künste zurück, wurde Vizepräsidentin und sorgte sich um und sorgte für die Kunst – den Tanz immer fest im Blick. Sie blieb bis 2015 und ließ sich im vergangenen Jahr noch einmal zur Direktorin der Sektion Darstellende Kunst verpflichten – 55 Jahre nach ihrer ersten Anstellung im Haus am Hanseatenweg.

Niemand hat je gezählt, wie viele Künstlerinnen und Künstler sie gefördert, in Berlin gezeigt, wie vielen sie zu einer Karriere verholfen hat. Die Berliner Tanzszene hat ihr viel zu verdanken. Sie konnte viel, aber nicht alles durchsetzen. Das Tanzhaus, für das sie in den 1990er-Jahren gekämpft hat, blieb ein Konzeptpapier. Enttäuschungen beklagen? Mit politischem Dilettantismus hadern? Fehlentscheidungen lauthals kritisieren? Nein, das ist nicht ihr Stil. Dunkelblau ist ihre Farbe, nicht feuerrot. Ob ein Tanzhaus der Berliner Tanzszene heute guttun würde? Sie ist sich da nicht mehr so sicher. Aber deshalb ist sie ja wieder dabei. Reden, weiterreden. Aufgeben? Nein! Dass Nele Hertling erst in diesem Jahr mit dem Deutschen Tanzpreis ausgezeichnet wird, ist angesichts ihrer überwältigenden Lebensleistung ein unverzeihliches Versäumnis. Vielleicht ist es wieder einmal ganz einfach: Sie ist eine Frau. Lange Zeit war sie die erste und einzige Intendantin eines Theaters in Berlin. Sie selbst hat das nie groß thematisiert. Sie sucht lieber nach Lösungen als nach Konfrontationen, ist unterwegs für den Tanz, für die Kunst – für die Freiheit des Ausdrucks. Wir werden hoffentlich noch lange ihren mittlerweile weißen, vollen Schopf im Getümmel entdecken. 

Die Gala zur Verleihung des Deutschen Tanzpreises findet am 22. September im Aalto-Theater in Essen statt. www.deutschertanzpreis.de