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Bayreuther Tagebuch

Florian Zinnecker erkundet den Wagner-Wahn

Florian Zinnecker in Bayreuth.

Montag, 23. Juli

Ankunft in Bayreuth, mitten hinein in einen Krimi. Im Festspielhaus auf dem Grünen Hügel wird heute noch geprobt, im Markgräflichen Opernhaus - einem üppig dekorierten und quasi unbespielten Rokokotheater in der Innenstadt - soll am Abend der Pianist Daniil Trifonov ein Konzert geben. Nicht Wagner, sondern Chopin, Veranstalter sind nicht die Festspiele, sondern die ortsansässige Flügelmanufaktur Steingraeber, dennoch ist es der heimliche Auftakt der Festspielzeit. Aber als ich in der Klavierfabrik meine Karte abhole, höre ich: Sieht nicht gut aus.

Trifonov liegt im Krankenhaus, Verdacht auf Lebensmittelvergiftung, er hat bei der Anreise offenbar auf einer Raststätte verdorbenen Kartoffelsalat gegessen. Eilig wird eine Ersatzpianistin aus Berlin herbeitelefoniert, unterdessen versucht man im Krankenhaus, den Weltstar wiederherzustellen. Gegen 17 Uhr fährt ein Sanitätsauto Trifonov zum Opernhaus, wo er vor verschlossenen Türen steht: Der Abenddienst ist noch nicht da, heute ist Montag, das Haus, das nur in Ausnahmefällen für Konzerte genutzt wird, ist ein staatliches Museum, und diese sind in Bayern montags geschlossen. Trifonov wartet auf der Liege, bis jemand durch ausdauerndes Klopfen an die Foyer-Tür einen Feuerwehrmann aufstöbert, der wiederum den Kastellan verständigt, damit dieser den Künstlereingang öffnet und Trifonov sich einspielen kann.

Schnell zeigt sich, er ist durchaus in der Lage, die erste Konzerthälfte zu spielen, für die Chopin-Sonate Nr. 2 reicht dann aber die Kraft nicht mehr. Die inzwischen eingetroffene Ersatzpianistin übernimmt mit Schumann-Fantasien. Als sich abends die Saaltüren öffnen, zeugen nur ein Einleger im Programm und der affirmative Optimismus des Veranstalters von der Malheur-Reihung am Nachmittag. Trifonov, ein wenig blass, spielt glänzend, in der Pause erzählt die Frau, die ihm die Veranstalterblumen überreicht, sein Händedruck sei dann quasi nicht mehr vorhanden gewesen. Dann legt sich Trifonov wieder hin, der Schumann wird ein Triumph, auch für den Veranstalter, dessen Instrument an einem Abend zwei völlig verschiedene Klangspektren vorführen kann. Großer Applaus, alle sind völlig erschöpft. Es kann losgehen.

Neo Rauchs Mops Smylla neben den Füßen des Künstlers.

Dienstag, 24. Juli

Mehr als alle anderen Opernfestivals funktionieren die Bayreuther Festspiele weniger als ein klug kuratiertes Gesamtkonzept. Sondern als mal sorgfältig ausbalanciertes, mal sich zufällig ergebendes Geflecht aus älteren und jüngeren Traditionen, teils auch unklaren Ursprungs. Zu den Traditionen gehört der Pressempfang, einst am Morgen der Eröffnungspremiere, nun einen Tag vorher. Hier gibt Festspielleiterin Katharina Wagner die Neuproduktion der Saison im nächsten Jahr samt Besetzung bekannt, diesmal: Tannhäuser in der Regie von Tobias Kratzer, mit Valery Gergiev am Pult. Mehr nicht, «sonst habe ich ja nächstes Jahr nichts mehr anzukündigen». Außerdem bergen Ankündigungen das Risiko, dass man sie bei Änderungen auch öffentlich korrigieren muss, was zuletzt überaus häufig passiert ist und in Bayreuth stets nach Blamage riecht, obwohl sie zum Theateralltag gehören (aber der ist auf dem Grünen Hügel eben ein bisschen kondensierter als anderswo). In der diesjährigen Neuproduktion «Lohengrin» musste nach dem Rückzug des Regisseurs Alvis Hermanis sein Kollege Yuval Sharon eingewechselt werden; kurz vor Probenbeginn erklärte dann der Tenor Roberto Alagna, er habe nicht geschafft, rechtzeitig die Titelpartie zu lernen, weshalb spontan Piotr Beczala übernahm.

Die Hauptattraktion hingegen arbeitet seit sechs Jahren konstant und wie ein Uhrwerk an der Produktion: der Maler Neo Rauch, der das - noch streng als Geheimnis gehütete - Bühnenbild entwarf – und beim Presseempfang seinen Mops Smylla dabei hat. Er fühle sich hier im Festspielhaus wie auf einem Kindergeburtstag, sagt er, einfach jeder Wunsch werde ihm erfüllt. Dirigent Christian Thielemann nannte Regisseur Sharon «unseren Sonnenschein vom Dienst». Der theatrale Wert der Pressekonferenzen ist durchaus bisweilen höher als bei manchen Inszenierungen.

Vor dem Festspielhaus beziehen die ersten Fotografen Stellung und reservieren sich für das morgige Defilée der Ehrengäste am Roten Teppich die besten Plätze. Mit Klebeband und kleinen Leitern, die mit Panzertape am Boden befestigt sind.

Am Abend findet in einem ausrangierten Kino in der Innenstadt die Uraufführung einer Auftragsproduktion der Festspiele statt: «der verschwundene hochzeiter», eine Oper von Klaus Lang nach einer steirischen Sage. Die Musik ist das Gegenteil von Wagner, sie peitscht nicht auf, sondern beruhigt und lässt - das ist das Thema der Oper, die eigentlich eher eine Klanginstallation ist - die Zeit stillstehen. Der Abend funktioniert vor allem als Gesamtinstallation: im Kinosaal, der noch genau so aussieht, wie er vor 20 Jahren stillgelegt wurde, mit einer raffinierten Inszenierung. Und ohne Dirigent: Die um die Zuschauer herum angeordneten Musiker werden durch Zeitsignale gesteuert. In den Folgetagen sorgt der Abend mehrfach für angeregte Debatten, historisch ist sein Wert schon jetzt klar: Es ist die erste Bayreuther Uraufführung einer Oper seit «Parsifal» 1882. 

Das Festspielhaus von innen.

Mittwoch, 25. Juli

In einer Probebühne im Schatten des Festspielhauses findet morgens die Premiere der Kinderoper statt: eine Adaption des «Rings des Nibelungen», stark gekürzt und liebevoll als mythische Abenteuergeschichte inszeniert. Das Publikum, das an diesem Tag ausschließlich aus Kindern und Vertretern der großen Feuilletons besteht, sitzt mitten im Geschehen. Die Bühne ist eine große Holzkiste, in der sich - liebevollst ausgestattet - das Weltendrama vollzieht. Die Kinder folgen gebannt, die Feuilletonisten schmunzeln, so flott wird Wagner selten erzählt.

Auch nicht am Nachmittag, bei der eigentlichen Eröffnung: «Lohengrin», der zeitgleich im Kino und im Pay-TV zu sehen ist, weshalb sich hinter dem Haus ein Ü-Wagen an den anderen reiht. Ich sitze zwischen Angela Merkel (hinter mir), Thomas Gottschalk (ein paar Reihen vor mir) und dem gut gelaunten Chefredakteur einer Wochenzeitung, der sich nicht entscheiden kann, ob er sich über die Nähe zu Merkel, die Bühnenbilder Neo Rauchs oder das von Christian Thielemann dirigierte Festspielorchester am meisten freuen soll und über alles jubelnde Tweets in sein Handy tippt. 

Die verwaisten Stellungen der Fotografen auf dem Platz vor dem Festspielhaus.

Donnerstag, 26. Juli

Die Nacht war lang - für viele Bayreuther und Journalisten, die Gast auf dem Staatsempfang nach der Premiere waren, und für mich, der bis 4.30 Uhr für die Lokalzeitung eine Premierenkritik verfasst hat. Müde fahre ich mittags auf den Festspielhügel und treffe dort zufällig Katharina Wagner, die aufgeräumt und gut gelaunt über den Betrieb plaudert und über die Sicherheitskontrollen auf dem Hügel schimpft, auf dem auch ihr privates Wohnhaus steht. Seit zehn Jahren ist Katharina jetzt Festspielleiterin, seit zwei Jahren ohne ihre Halbschwester Eva Wagner-Pasquier, vieles war zudem schon vorher weit in die Zukunft geplant gewesen. Diese und die vergangene Saison, sagt sie, seien die ersten, die von ihr auch annähernd so gemeint waren.

Am Abend findet die Wiederaufnahme von «Parsifal» statt, eine der schwächsten Inszenierungen in der Festspielgeschichte, ebenfalls begründet in einer schnellen Auswechslung: Für die Produktion aus 2016 waren Jonathan Meese und Andris Nelsons engagiert gewesen. Meese wurde wegen interner Vorbehalte alsbald wieder entlassen, offiziell aus Kostengründen. Nelsons reiste wenige Tage vor der Premiere ab und kam nicht wieder, bis heute weiß niemand sicher, warum. Als Ersatz fanden sich Uwe Eric Laufenberg, der eine fertige, aber nie gezeigte Inszenierung mit plumper Religionskritik als Topos aus seinen Kölner Jahren nach Bayreuth mitbrachte, und zunächst der Dirigent Hartmut Haenchen, dem dieses Jahr Semyon Bychkov folgte. Und tatsächlich: Die leicht veränderten musikalischen Farben wirken sich positiv auf die Inszenierung aus, die nun nicht mehr gar so einfältig, sondern immerhin ein wenig opernhafter wirkt. Umso heller strahlen die Sänger, vor allem Thomas J. Mayer als Amfortas, Elena Pankratova als Kundry und Günther Groissböck als Gurnemanz, der 2020 alle drei Wotane singen wird und schon jetzt die Vorfreude wachsen lässt.

Florian Zinnecker schwitzt bei 30 Grad.

Freitag, 27. Juli

Am dritten Tag mit einem mehrstündigen Musikdrama in Folge fallen zum ersten Mal die Begleitumstände ins Gewicht: Es ist heiß in Bayreuth, so heiß wie zuletzt selten. Kein Tag ohne gleißenden Sonnenschein, kaum Temperaturen unter 30 Grad. Das Festspielhaus ist nicht klimatisiert, die Musiker im abgedeckten Orchestergraben spielen in Shorts und T-Shirt, auf der Bühne und im Zuschauerraum dagegen gilt’s der Kunst in Kostümierung - in Frack und Abendkleid die anderen, in Sackleinen und Pelzmänteln die anderen. Heute auf dem Spielplan: «Tristan und Isolde» mit Christian Thielemann am Pult, der dirigiert, als wäre es noch nicht heiß genug. Sein «Tristan» pulsiert der Ekstase entgegen, Petra Lang und Stephen Gould lassen sich von ihm auf Händen tragen und brillieren, es ist ein Abend, nach dem man noch lange draußensitzen und glücklich in den Nachthimmel lächeln will. Als ich das Festspielhaus verlasse, beginnt gerade die absolute Mondfinsternis - ein Blutmond nach diesem «Tristan» ist das Mindeste, was zu erwarten ist. 

Blick aufs Betriebsgelände mit einem Teil des Meistersinger-Bühnenbilds.

Samstag, 28. Juli

Vor der Festspielzeit wurde der Bühnenturm des Festspielhauses saniert und stahlt in frischem Klinkerrot. Das neue Dach hat ein Gimmick des alten beibehalten: In den Morgenstunden und in den Aufführungspausen lässt sich der Mittelteil nach oben fahren, von außen sieht es dann so aus, als müsste das Haus Dampf ablassen, und es sieht nicht nur so aus: Es ist die einzige Möglichkeit, effektiv frische Luft ins Innere zu schleusen.

Am Abend findet ein Feuerwerk statt: Barrie Koskys fulminante Inszenierung der «Meistersinger von Nürnberg» wird wiederaufgenommen - eine Deutung, in der die Oper, die als Blaupause für Hitlers Reichsparteitage gilt, symbolisch in den als Kulissen nachgebauten Nürnberger Spruchkammersaal vor Gericht steht. Sachs, Stolzing und David sind Richard Wagner, Eva ist Cosima, Beckmesser ist der jüdische Dirigent Hermann Levi, der einst die «Parsifal»-Uraufführung dirigierte. Eine Sensation, nicht nur, weil Michael Volle in die Partie des Sachs - die längste Opernpartie überhaupt - völlig organisch hineingewachsen scheint und es ganz so aussieht (und klingt), als müsste er sich nicht einmal anstrengen (wohlgemerkt: bei mehr als 30 Grad). Ähnliches lässt sich über Klaus Florian Vogt als Stolzing sagen. Am Pult steht Philippe Jordan und lässt sich auf die Sperenzchen der Inszenierung im Timing so präzise ein, dass man bei den Aktschlüssen aufspringen und jubeln will. Der erste Aufzug spielt im Salon von Wagners Bayreuther Villa Wahnfried - originalgetreu bis hin zu Wagners Hunden. Es sind nicht mehr die Tiere aus der Eröffnungsspielzeit, die sich an die Bühnenbedingungen schlafwandlerisch gewöhnt hatten, sondern zwei neue, zwei, die unter der Hitze auf der Bühne schneller als die Vorgänger anfangen zu transpirieren und aus Lampenfieber auch auf andere Art für eher ungebetenen olfaktorischen Zusatz sorgen. Was, wie zu vernehmen ist, vor den ersten Takten auf der Bühne nicht nur gute Laune macht.

Sonntag, 29. Juli

Wolkenlos, Sonne, Temperaturen bis 35 Grad, anders als an den Vortagen aber: Pause. Ein Gefühl von großer Trägheit stellt sich ein, im Kopf mischen sich Melodie-Fragmente aus «Lohengrin», «Tristan», «Parsifal» und «Meistersingern», es gibt nicht viel zu sagen, im Kopf herrscht Dämmer. Im Bayreuther Dialekt gibt es für diesen Zustand einen eigenen Begriff: wagner-daab.

Der rote Teppich.

Montag, 30. Juli

Die letzte reguläre Wiederaufnahme der Spielzeit: «Der fliegende Holländer», inszeniert von Jan Philipp Gloger, die nach sieben Spielzeiten und einem Pausenjahr letztmals zu sehen ist. Die Pause hat dem Ensemble gutgetan, vor allem Peter Rose als Daland und Tomislav Muzek ziehen stimmlich wie schauspielerisch alle Register in einer Inszenierung, die über die Jahre gereift ist und nicht mehr gar so sehr nach Opernregieschule duftet wie zu Beginn. Anstatt einer Spinnstube ist auf der Bühne eine Ventilatorenfabrik - die Südwind-Werke - gebaut. Im Zuschauerraum dagegen steht die Luft, draußen sind 37 Grad, die Oper dauert zwar nur zweieinviertel Stunden, nicht bis zu fünf wie jene an den Vortagen. Aber weil sie ohne Pause durchläuft, wird die Luft dicker und dicker, meine Nebensitzer schlafen ein, ihre Operngläser schlagen krachend auf den Holzboden, auch im Orchestergraben scheint die Luft zu stehen: im Finale ist von der anfangs genau austarierten Stimmung der Bläser nicht mehr allzuviel übrig. 

Im Salon Wahnfried

Dienstag, 31. Juli

Wieder ein kleiner Krimi, diesmal in Haus Wahnfried, und: heute nur nacherzählt. Die Geschichte dreht sich um einen Taktstock. Jenen Taktstock, mit dem einst Richard Wagner am Geburtstag seiner Frau Cosima das Siegfried-Idyll dirigierte, eines der ersten musikalischen Fragmente aus dem „Ring“. Ein längliches, nicht rundgeschliffenes Stück Holz, ohne Knauf, aber mit Gravur. Der Stab gehörte nach Wagners Tod zum Reliquienschatz seiner Familie; als Wahnfried in den letzten Kriegstagen 1945 zerbombt wurde, nahm ein amerikanischer Soldat den Stab mit, als Andenken.

Der Soldat behielt den Fund lange für sich, Plünderung ist verboten, dann verschenkte er den Schatz und der Beschenkte vererbte ihn, zuletzt lag der Stab lange in einem Schließfach in den USA. Dann bekam der Museumsdirektor eine E-Mail, die Erben wollen den Stab zurückgeben, nicht ganz umsonst freilich, über die bezahlte Summe schweigt der Direktor beharrlich. Heute jedenfalls wird der Stab übergeben, nicht einfach so: Christian Thielemann dirigiert im Saal von Wahnfried das Siegfried-Idyll, mit dem Stab, mit dem einst Wagner dieselben Takte schlug. Ein Gänsehaut-Termin, nur wenige Gäste sind eingeladen, die, die da sind und auch die Premieren besuchen, fühlen sich, als säßen sie im Bühnenbild des Ersten Aufzugs «Meistersinger». Danach gibt Thielemann ein Gutachten ab: liegt gut in der Hand, fühlt sich dennoch ungewohnt an. Fazit: «Ist schon ein Ding.»

Am Abend im Festspielhaus debütiert der einstige Startenor Placido Domingo am Pult des Festspielorchesters, auf dem Spielplan: «Die Walküre». Es ist ein Flug auf Sicht mit den Kopf in den Noten, das klangliche Ergebnis: solide, wenn auch nicht sehr aufregend. Befürchtungen, Domingo sei von den kitzeligen akustischen Verhältnissen im Haus so überfordert, dass ein Kollege einspringen muss, bewahrheiten sich nicht. Das Orchester immerhin kennt das Stück seit 1876.

Abendlicher Blick zum Festspielhaus.

Mittwoch, 1. August

Abfahrt aus Bayreuth im Morgengrauen, es ist angenehm kühl. Letzter Blick zum Festspielhaus, wie es vom Grünen Hügel hinunter auf die Stadt schaut und auch ein bisschen darüber hinweg. Das Dach ist offen, zum Dampf ablassen. Auf bald, altes Haus.

Florian Zinnecker, Jahrgang 1984, ist - nach Stationen beim SZ-Magazin und als Kulturchef des Nordbayerischen Kuriers - freier Magazinredakteur und Kulturjournalist in Hamburg und berichtet seit 2012 über die Bayreuther Festspiele.