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Das Theater und die Masken

Tour d’Horizon durch ein Stück Kulturgeschichte

von Peter Marx

Gerade die anarchische und dunkle Seite der Maske hat sich in der Populärkultur etabliert. Der US-amerikanische Schriftsteller Stephen King übersetzt in seinem Roman «It» (1986) das namen-und gesichtslose Böse in die Maske eines exzentrischen Clowns. Diese Figur hat nicht nur deutliche Bezüge zu Luther Links Definition des Teufels als «Maske ohne Gesicht», sondern auch zur Grausamkeit der Lustigmacher. Die Spannung zwischen dem Harmlos-Lustigen und der Gewalt, die King schildert, bewegt auch die Leser und Kinobesucher des späten 20. Jahrhunderts.

Dass diese Aktualität nicht auf die Horrorliteratur oder den Film begrenzt ist, belegt das Phänomen der sogenannten Horrorclowns. Dabei handelt es sich um verkleidete Personen, die die Maske des Clowns bewusst als Mittel (und Lizenz) zum Verbreiten von Angst und Schrecken nutzen. Obgleich in einzelnen Wellen – so etwa 2016 in Nordrhein-Westfalen – Fälle vermehrt polizeilich dokumentiert und verfolgt worden sind, ist das empirische Problem sehr viel kleiner, als die verführerische Kombination von Populärkultur und Alltagspraxis glauben machen will. Auch die Coulrophobie, die Angst vor Clowns, ist mehr «Urban Legend» als eine wirkliche psychologische Störung. Die grundsätzliche Lizenz der Maske aber, sich den Regeln der Gesellschaft zu entziehen, lebt keineswegs nur in den Figurationen der Angst-Lust: Man denke etwa an Arthur Schnitzlers «Traumnovelle» (oder an Stanley Kubricks Verfilmung), in der die Maske den Raum öffnet, den «Panzer der Selbstzwänge» (Norbert Elias) für das radikale Ausleben erotischer Fantasien zu verlassen – allerdings um den Preis, dass die Demaskierung als Damoklesschwert über der vermeintlichen Freiheit hängt.

Diese Freiheit des Unerkannt-Seins findet ihr heroisches Gegenstück in der Maske des Rächers: Von Zorro bis Batman figuriert sie als Signum und Visier derjenigen, die das strukturelle Unrecht bekämpfen. Die Anonymität, die sie herstellt, ist die Voraussetzung für den Kampf um das Gute. Der Reiz der Konstellation liegt in der im Zuge der Erzählung wachsenden Ambivalenz von Verstellung und Wahrheit: Was ist der eigentliche Kern, die wirkliche Identität der Person? Die Alltagsidentität oder die Schatten-Identität? Die Doppelidentität spiegelt nicht zuletzt die Verlogenheit gesellschaftlicher Strukturen wider, die durch Konformitätszwang ihre eigene Struktur behauptet.

Den gesamten Beitrag finden Sie
in der Juli-Ausgabe von tanz.