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Theaterfotografie #6

Das grafische Auge

Barbara Aumüller komponiert Bilder im Moment ihrer Entstehung

Von Florian Zinnecker

Ein gutes Opernfoto, sagt Barbara Aumüller, ist beinahe paradox: Je weniger opernhaft es wirkt, desto besser. «Ich lege Wert darauf, dass ein Sänger auf dem Foto nicht singt – so komisch das auch klingen mag. Pathetische Sänger mit offenen Mündern will heute niemand mehr sehen. Ich will jeden Sänger als einen Mensch zeigen, der in seinem Umfeld auf der Bühne eine Geschichte erzählt – über seine Haltung, über Blicke und Gesten.»

Barbara Aumüller, die als Theaterfotografin heute freiberuflich vor allem für die Frankfurter Oper arbeitet, hat ihre Wurzeln im Fotojournalismus. Nach dem Studium in Frankfurt – sie ist Diplom-Pädagogin – lässt sie sich von Digne Meller Marcovicz ausbilden, eine der wichtigsten Porträtfotografinnen der 1960er- bis 80er-Jahre, damals für den «Spiegel» tätig. Aumüller arbeitet vier Jahre an ihrer Seite, lernt dabei die Abläufe, den präzisen workflow der Analogfotografie kennen. Der Einstieg in die Theaterfotografie erfolgt über einen Umweg – sie schießt Standfotos bei einer Filmproduktion in Frankfurt, lernt dabei einen Schauspieler kennen, der sie auf eine freie Stelle am Theater Darmstadt aufmerksam macht. «Er ist später sehr bekannt geworden», sagt Aumüller und lacht. «Das war Sebastian Koch, der damals noch in seinen absoluten Anfängen steckte.» 

In Darmstadt fotografiert Barbara Aumüller ihre erste Theaterproduktion: ein Thomas-Bernhard-Stück, inszeniert von Hannelore Hoger – und wird umgehend als Haus- und Hoffotografin engagiert, für Oper, Schauspiel und Ballett. Acht Jahre bleibt sie am Staatstheater, dann wechselt sie in die Freiberuflichkeit. «Als feste Fotografin eines Theaters betreut man nicht nur die Produktionen, sondern auch alles, was hinter den Kulissen passiert, man arbeitet für die Werkstätten, für das Orchester, die Theaterpädagogik. Das war relativ viel, in der analogen Zeit bedeutete das dann auch: über Nacht im Fotolabor stehen, das kostete viel Energie.»

Im Vergleich dazu bot die freie Tätigkeit mehr Möglichkeiten, auch inhaltlich in die Tiefe zu gehen: «Es ist ein sehr gründliches Arbeiten.» Nach acht Jahren kehrt sie zurück nach Darmstadt, bleibt zehn Jahre, löst sich wieder. «Die inhaltliche Arbeit kommt mir sehr entgegen», sagt sie. «Aber natürlich hat die Fülle der Aufgaben als feste Fotografin auch sehr geholfen, meinen Blick zu schärfen.» 

Ihre ästhetische Handschrift beschreibt sie so: «Ich versuche, meinen Bildern grafische Linien zu geben, bestimmte Punkte zu fokussieren, um auch unabhängig von einer Inszenierung unterschiedliche Stimmungen auszudrücken. Macht, Einsamkeit, Wut, Glück, Emotion. Das ist für mich wichtig: eine Sprache zu entwickeln, mit der die Bilder auch für sich stehen können. Es geht nicht allein darum, ein Stück zu illustrieren und das Erwartbare zu zeigen – ein gutes Bild kann berühren, auch verstören und eine ganz eigene Energie ausstrahlen.»

Ihr Lieblingsfoto: eine Szene aus «La Sonnambula» an der Oper Frankfurt, mit Brenda Rae als Amina (Regie: Tina Lanik, Bühne: Herbert Murauer). Barbara Aumüller fasziniert daran vor allem die Gleichzeitigkeit von Stillstand und Bewegung. Vorn die Frau, die sich mit ihrer schlafwandlerischen Energie ganz allein in ihrer Welt bewegt – kraftvoll, aber auch vereinsamt. Dahinter der seitlich abgehende Chor – das Volk, das sie verlässt. Energie in verschiedenen Aggregatzuständen, klare Konturen und Bewegungsunschärfe, auf einem Foto vereint.

Die Bildkomposition findet beim Fotografieren statt, nicht am Computer. «Ich versuche zu fotografieren wie zu analogen Zeiten.» Nachbearbeitung gibt es bei ihr kaum. «Oft ist dafür gar keine Zeit da», sagt sie. «Es gibt immer jemanden, der schon auf die Bilder wartet. Es kommt nie vor, dass ich höre: ‹In drei Tagen brauchen wir die Bilder.› Es heißt immer: ‹nachher›.»