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Schwarz auf Weiß

Ernest Allan Hausmann und seine Rolle in «Mittelreich»

«Mittelreich» nach dem gleichnamigen Roman von Josef Bierbichler gibt es an den Münchner Kammerspielen in zwei Versionen: 2015 inszenierte Anna-Sophie Mahler das Stück, in der «Schwarzkopie» von Anta Helena Recke treten schwarze Schauspieler an die Stelle ihrer nicht-schwarzen Kollegen. 

Herr Hausmann, wann sind Sie denn zuletzt rassistisch angesprochen worden?
Gerade neulich in Wien im Cafe Hummel, Ecke Josefstädter Straße, wohin ich öfter gehe, weil man dort gut Fußball gucken kann. Ich wurde von den regelmäßigen Gästen auch gegrüßt, saß da und habe mich ganz nett mit zwei älteren Herren unterhalten. Auf einmal sagte der eine zu dem anderen wie aus dem Nichts: «Bald leben hier in Europa neun Millionen Neger.» Das haben sie zwar nicht direkt zu mir gesagt, aber laut genug, dass alle im Raum es hören mussten. Ich wollte sowieso gerade los und habe dann noch einen schönen Tag gewünscht. Im Hinausgehen kam dann noch: «Ist auch besser, dass du jetzt gehst.» Dabei hatten wir uns noch kurz vorher völlig normal unterhalten. Völlig normal. 

Passiert so etwas öfter?
Nein, ich glaube, das war ein speziell Wiener Moment. Dort ist man einfach sehr selbstverständlich rechtskonservativ. 

Hat sich da etwas verschoben seit der letzten Wahl? 
Ich denke schon. Das sieht man auch in Deutschland, wenn der neue Innenminister gleich zum Amtsantritt verkündet, der Islam gehöre nicht zu Deutschland. Oder der neue bayerische Ministerpräsident Söder ganz offen sagt, die CSU dulde in Bayern keine Partei rechts von ihr. Das heißt, wir übernehmen das Programm der AfD ...

... und rücken eben mindestens so weit nach rechts wie sie.
Genau. Neulich habe ich in München «Mittelreich» gespielt, da war auf dem Marienplatz ein großer Aufmarsch von Pegida Dresden und Pegida München. Alles war abgesperrt, Deutschlandfahnen überall – das ist wirklich beängstigend. 

Und wie war die Vorstellung von «Mittelreich»? Die vierte insgesamt, wenn wir richtig zählen.
Stimmt. Ich spiele das sehr gerne, aber dadurch, dass es so große Pausen zwischen den Vorstellungen gibt – die ersten beiden waren im Oktober –, ist es nicht einfach. Die vorletzte Vorstellung lag auch schon wieder vier Wochen zurück. Jetzt gibt es noch eine weitere zum Festival Radikal jung des Volkstheaters, und dann kommt schon das Theatertreffen. 

Klingt sehr sportlich.
Das war alles sportlich, auch die Probenzeit von nicht mal vier Wochen. Wir haben damals anderthalb Wochen in München probiert, davor zwei in Berlin, weil dort die meisten Schauspieler leben. 

Wie sind Sie zum Cast der Schwarzkopie «Mittelreich» gestoßen?
Eine Freundin, die die Regisseurin Anta Helena Recke kennt, hat mich empfohlen. Dann haben wir uns verabredet, und ich fand das Projekt auf Anhieb spannend. Auch gerade das Copy-paste-Verfahren der Appropriation Art. Ich konnte mir sofort vorstellen, was für einen neuen Raum das öffnet. Eine geniale Idee: Wir spielen das einfach nach und zeigen, wie absurd die Selbstverständlichkeit der Annahme ist, weiße Hautfarbe wäre das «Normale». 

Wie schafft man sich so eine Appropriation drauf?
Das ist ähnlich wie eine Übernahme, wenn beispielsweise ein Schauspieler krank ist und jemand einspringt. Man bekommt das Video und kann es studieren. Ich habe aber gleich gesagt, ich schaue mir das nur einmal an. Dann weiß ich, worum es geht, den Rest schaffe ich mir aber bitte in der Arbeit drauf. Ich wollte es mir nicht zu oft angucken, weil ich dann Angst habe, Stefan Merki nachzuspielen, der meine Figur in der Vorlage verkörpert.

Aber einige Schauspieler haben intensiv mit der Aufzeichnung gearbeitet.
Ja, sicher, das ist deren Entscheidung. Ich kam nur mit gelerntem Text und wusste in etwa, wo die Positionen sind. 

Die Gänge sind fix?
Ja, wie auf einer Stellprobe. Man kann im Grunde auch gar nicht viel erfinden für sich. Fast ein bisschen wie bei einem Filmdreh. Aber was für mich sehr hilfreich war, um in diesen Kosmos einzutauchen, war das Hörbuch. Ich habe das auf Norderney, wo die Familie meiner Mutter herkommt und ich den Sommer verbracht habe, andauernd gehört. Um den Ton zu finden, die Stimmung zu haben. Auch die Sprachlosigkeit dieses Vaters, der im Krieg bei der Ermordung der jüdischen Kinder mitgemacht und danach zu seinem Sohn nie einen wirklichen Kontakt aufgebaut hat. Dabei völlig gefangen in dem Pflicht­bewusst­sein, den Hof zu übernehmen, und darin komplett unglücklich, weil er die erträumte Sängerlaufbahn dafür aufgeben musste. Ich konnte das sehr gut nachvollziehen, weil es in meiner Familie ein bisschen ähnlich war nach dem Krieg. Wir haben auf Norderney ein Hotel, früher eine Pension für Sommergäste; die ersten Gästeeintragungen, die mir mein Onkel neulich gezeigt hat, waren von 1886. Norderney war das erste deutsche Kurseebad. Mein Cousin Christian – wir sind wie Brüder – soll das dann mal übernehmen, wenn mein Onkel ihn lässt. 

Im Grunde haben Sie den anderen Weg gewählt als Pankraz im Roman: Sie haben sich für den Künstler, die Schauspielerei entschieden, nicht fürs Familienhotel.
Ja, die Zeiten waren aber auch schon anders. Der unmittelbare materielle Druck der Nachkriegszeit war in meiner Jugend schon vorbei. In «Mittelreich» fällt die Entscheidung von Pankraz, den Hof zu übernehmen, gleich nach dem Krieg. Der Bruder hat einen Kopfschuss, und der Vater zwingt ihn mehr oder weniger, das Erbe anzutreten. Danach kommen ja erst die neuen Maschinen, der Wohlstand, die erste Musiktruhe; der Knecht leistet sich ein Motorrad. 

Waren Sie mal am Original-Set, beim «Fischmeister» der Familie Bierbichler am Starnberger See?
Ja, ich habe das als meine ganz persönliche Recherche be­trie­ben. Bin mit dem Fahrrad rumgefahren und habe mir das alles angesehen. 

Die materielle Not war ja dort spätestens in den frühen 70ern vorbei. Schon wegen der rapide steigenden Grundstückspreise war dann plötzlich jeder bis dato um seine Existenz kämpfende Voralpenbauer ein Multimillionär. Landwirtschaftlich bewirtschaftet wird die Gegend dort ja höchstens noch aus bodenpflegerischen oder touristischen Gründen.
Das ist auf Norderney ganz ähnlich. Als Kinder konnten wir noch Krabben oder Fisch im Hafen vom Kutter kaufen, jetzt wird das alles tiefgefroren aus Hamburg herübertransportiert. Man lebt nicht mehr unmittelbar von dem, was die See so hergibt. Und klar, Immobilienbesitzer sind reich, was aber nichts daran ändert, dass viele die Arbeit zu ihrem Lebensinhalt machen. Mein Onkel hat sein Leben lang den ganzen Tag gearbeitet, das macht er heute immer noch. Im Hotel geht der Betrieb rund um die Uhr, sieben Tage die Woche. Sonntags ist es extrem stressig, weil Abreisetag ist und die Zimmer gemacht werden müssen. Das ist beinhart. 

Was Sie erzählen, zeigt, dass Sie sich an diese «Schwarzkopie» von «Mittelreich», die ja technisch eher eine Übernahme war, herangearbeitet haben wie an eine neue Rolle.
Ich kann gar nicht anders. Ich bin da rangegangen, wie ich an jede andere Theaterarbeit auch rangehen würde. Ich habe Bücher gelesen, zum Beispiel Sabine Bodes «Die vergessene Generation». Ein tolles Buch über Leute, die in den 20er und 30er Jahren des 20. Jahrhunderts geboren wurden, im sogenannten Dritten Reich aufwuchsen und sozialisiert wurden, dann den Krieg erlebt haben, die Traumatisierungen, Schuldkomplexe, Sprachverbote. 

Sie haben sich die Figur mit psychologischen, historischen, soziologischen Zugängen erarbeitet, als wäre es die Uraufführung. Tatsächlich sind Sie aber für etwas ganz anderes engagiert worden.
Absolut. 

Sie sind geholt worden, weil Sie eine Person of Colour sind und weil man nicht Josef Bierbichlers «Mittelreich»-Roman auf die Bühne bringen wollte als bayerischen Nachkriegskosmos, das gab es ja schon in der Inszenierung von Anne-Sophie Mahler. Man hat Sie engagiert, weil man diese Inszenierung mit schwarzen Schauspieler*innen nachinszenieren wollte, um zu zeigen, wie seltsam die Vorstellung ist, bayerisches Vor­alpenvolk müsse selbstverständlich und notwendigerweise eine weiße Hautfarbe haben. Und Weiß-Sein wäre als Normalitätsnorm nicht mit sozialem Privileg verbunden.
Stimmt – und da kommen wir wirklich zum Kern der ganzen Geschichte. 

Sie erfüllen die Erwartungen, gehen aber mit einem originären künstlerischen Interesse heran.
Na klar, ich bin ja nicht auf meine Hautfarbe zu reduzieren. Das wäre fatal. 

Damit würde man nur reproduzieren, wogegen sich die Inszenierung von Anta Helena Recke wendet? 
Richtig. Ich spiele in dieser «Schwarzkopie» mit wegen meiner Hautfarbe, lasse mich aber trotzdem nicht darauf reduzieren. Obwohl das viele, auch Theaterleute, so sehen. Das merke ich auch bei Publikums­gesprächen, die oft sehr interessant ausgehen. 

Was sagen denn Zuschauer so?
Der Tenor ist: «Nach zwei Minuten habe ich nicht mehr gemerkt, dass da Schwarze stehen.» Da denke ich natürlich: Sind wir nach zwei Minuten weiß geworden? Aber nochmal zurück zu meinen künstlerischen Ambitionen: Man muss ja auch in der «schwarzkopierten» Inszenierung den Ansprüchen der Vorlage gerecht werden. Da kann man nicht einfach nur stumpf Gänge ablaufen und Text aufsagen. 

Sie sind Schauspieler und kein nachplapperndes Strichmännchen.
Genau. Und dann muss man sich eben mit dem Inhalt von «Mittelreich» auseinandersetzen. Darauf kommt es generell an im Theater: Wie verschiedene Menschen, verschiedene Körper Inhalte transportieren und transformieren. Das sollte doch im öffentlichen Bewusstsein so langsam klar sein. In meinem Fall ist es so: Ich bin in Hamburg geboren, in Deutschland sozialisiert, hier zur Schule gegangen, mein Vater kommt aus Ghana, den habe ich bis zu meinem dritten Lebensjahr erlebt, dann war er nicht mehr vorhanden. Ich bin schließlich Schauspieler geworden, wollte eigentlich an eine Schauspielschule, das hat sich aber erübrigt, weil ich vorher engagiert wurde. Und dann sagen mir die Leute, dass ich nicht das spielen kann, was mein (in dem Fall: weißer) Schulfreund spielen kann – und zwar wegen meiner dunkleren Hautfarbe; das ist für mich absurd und nicht zu verstehen. Das ist rassistisch.

Wie sieht denn Ihr Berufsalltag aus? Sie sind freier Schauspieler, werden von einer Agentur betreut, bekommen Angebote. Sie werden von Theatern, Film- oder Fernsehproduktionen angefragt. Werden Sie gebucht, weil sie schwarz sind?
Ja, ganz klar. Das ist zu 99 Prozent der Fall. 

Als Hamlet werden Sie nicht angefragt?
Ja, Hamlet ... (Lachen) Nein, dafür bin ich noch nicht gefragt worden. Das kommt – man muss es leider einfach so sagen – in der Vorstellung der Stadttheater nicht vor. Obwohl es ja durchaus kluge Leute sind, die da arbeiten. 

Haben Sie versucht, fest in ein Ensemble engagiert zu werden?
Ja, sicher. Ich habe viel mit Werner Schroeter gearbeitet, und er hat mir an jedem Haus, an dem wir waren, gesagt: «Verhandle gut, die werden dir sicher dann einen weiteren Vertrag anbieten.» Dann kam aber nie etwas. Nie. Nicht in Köln, nicht in Düsseldorf, nicht am Hamburger Schauspielhaus, nicht am Thalia Theater. Natürlich kann man auch bei einem Vorsprechen mal aus künstlerischer Unvereinbarkeit voll scheitern. Nur hat man als schwarzer Schauspieler nicht so oft die Möglichkeit, vorzusprechen. Und darum geht es, gar nicht mal nur für mich: Dass die Leute an den Theatern diese Tür aufmachen. 

Wenn man wie Sie in Berlin lebt, wo auf der Straße die Hautfarbe nicht mehr so ein Thema ist – fühlen Sie sich dann im Kontext eines Theaters exotisierter als im Alltag?
Es geht. Dadurch, dass man schon viele Kollegen kennt, ist es auch oft ein bekanntes Feld. Da wird man angenommen wie alle Schauspieler. Andererseits fällt mir auf – gerade wenn ich nach meiner Zeit im Fernsehen jetzt wieder ins Theater zurückkomme –, wie stehengeblieben das teilweise ist. Natürlich habe ich mich auch selbst weiterentwickelt, ich frage mich schon oft: Das kann doch nicht wahr sein, die denken immer noch so? Man muss sich doch nur mal anschauen, wer in der Royal Shakespeare Company was spielt. Hierzulande heißt es dann schnell: «Ja, wir sind aber nicht in Großbritannien.» Das kann nicht der Anspruch sein. Einen schwarzen Schauspieler, eine schwarze Schauspielerin eine Rolle nicht spielen zu lassen, weil er/sie schwarz ist – wenn sie gut sind, ist das doch vollkommen egal. 

Eine Frage des Muts?
Das ist doch auch keine Frage des Muts. Mutig wäre für mich, mit einem halben Hähnchen in einen Löwenkäfig zu gehen. Neulich war ich auf einem Panel der Akademie der Künste in Berlin, da ging es auch immer wieder um die Mutfrage. Was ist denn mutig daran, einem Schauspieler, den man künstlerisch geeignet findet und der eben so aussieht, wie er aussieht, eine Rolle spielen zu lassen? Und wenn er’s gut macht, dann freuen wir uns doch einfach. 

Das mit dem Hähnchen und dem Löwenkäfig würden wir jetzt nicht unbedingt weiterempfehlen. Aber hinken die Theater mit ihrer Besetzungspolitik – und darum geht es ja hier – noch weit hinter dem großstädtischen Alltag her?
Was die Ensembles angeht, auf jeden Fall. Neulich saß ich in Wien in einer Runde mit gestandenen Burgschauspielern, da sagte einer zu fortgeschrittener Stunde, nicht mehr ganz nüchtern: «Ich habe einen kanadischen Freund, der fragte kürzlich, ob in Deutschland Othello immer noch von einem Weißen gespielt wird, der schwarz angemalt wird.» Darauf herrschte erstmal betretenes Schweigen in der Runde, dann sollte ich etwas dazu sagen, das wollte ich aber nicht. Irgendwann hat man sich dann in der Runde darauf geeinigt, dass es «egal» sei, wer was spielt, aber ganz so «egal» ist es eben nicht. Denn «egal» wäre es erst, wenn es wirklich Diversität gäbe in den Ensembles und man sich nicht in einem weißen geschützten Raum befände, also eine Gruppe ausschließt und dann noch behauptet, es wäre «egal». Und dann kam noch von dem erwähnten Schauspieler, er wolle Othello gar nicht von einem Schwarzen gespielt sehen, das interessiere ihn nicht. Darauf betretenes Schweigen, aber mehr auch nicht. Und eine junge Schauspielerin meinte, ob ich nicht etwas sagen wollte. Wollte ich aber nicht, weil ich mich erstens zu sehr aufregen und zweitens in eine Diskussion reingezogen würde, die bei dem aktuellen Alkohollevel wirklich keinen Sinn ergeben hätte. 

Man will ja auch nicht als der Rassismusbeauftrage durch die Welt gehen.
Nein, aber es ist, um auch auf die Frage von vorher zu­rückzukommen, einerseits sehr interessant, andererseits manch­mal auch sehr anstrengend zu hören, was zum Beispiel bei Pub­likumsgesprächen gesagt wird. Eine Standardfrage zu «Mittelreich» ist: «Wo kommen denn diese ganzen schwarzen Schauspieler überhaupt her? Sind die aus München?» Oder ein sehr netter älterer Herr, sehr münchnerisch: «Ich habe das gerne angeschaut und gar net gemerkt, dass ihr schwarz seids. Aber ich wollte jetzt schon einmal wissn, was wollts ihr mir denn damit sagen?» Man will natürlich darauf hinweisen, wie ungewöhnlich schwarze Schauspieler in deutschen Stadttheaterensembles sind, woran der erwähnte Herr aber konsequent vorbeischaut. Und es gibt diese schwarzen Schauspieler ja, wie man sehen kann, wenn natürlich auch nicht so viele wie weiße. Die Grundvoraussetzung muss aber sein: Für jeden stehen die Ensembles offen, jeder kann vorsprechen. Und so weit sind wir nunmal noch nicht. 

Hat sich das nicht schon geändert, gerade durch das Gorki Theater und sein diverses Ensemble?
Das kann ich nach meiner Einschätzung nicht bestätigen. Aber ich bewege mich auch nicht andauernd in diesem Theaterbetrieb. Und ich will mich auch nicht dauernd damit beschäftigen. Ich bin ein Mensch, ein Individuum, und nicht nur meine schwarze Hautfarbe. Und darauf wird man in dieser Diskussion reduziert. Es sollte um mich als Schauspieler und meine Qualität gehen.

Der Begriff «schauspielerische Qualität» suggeriert einen objektiven Maßstab. Tatsächlich ist es unter Schauspielern und Regisseuren der umstrittenste Begriff, den es geben kann. Darunter versteht jeder etwas anderes, und es ist nur sehr begrenzt überprüfbar. Haben Sie manchmal das Gefühl, Sie werden aus vorgeschobener schauspielerischer Qualität abgelehnt, obwohl es eigentlich um Ihre Hautfarbe geht?
Ja und nein. Zum einen hat man, weil man nicht so oft engagiert wird, gar nicht die Chance, seine schauspielerischen Qualitäten oder Möglichkeiten weiterzuentwickeln. Man wird nicht besser, indem man herumsitzt und auf Rollen wartet. Man muss auch scheitern dürfen. Diesen Entwicklungsprozess braucht man, und der fehlt mir zu einem gewissen Grad, wenn man immer nur auf seine Hautfarbe reduziert wird. Neulich hat mich das Schauspiel Leipzig angerufen, ob ich nicht in Vinterbergs «Das Fest» mitspielen will ...

... vermutlich Gbatokai, den afrikanischen Freund von Helene ...
... Ja. Ich habe höflich abgesagt. So etwas habe ich oft erlebt. Dabei würde ich gerne in Leipzig spielen, aber etwas anderes. Mein Opa kommt übrigens aus Meißen, das ist nicht ganz Leipzig, aber auch nicht weit. Ähnlich geht es meiner Kollegin Isabelle Redfern, die in Ayad Akhtars «Geächtet» am Hamburger Schauspielhaus, am Wiener Burgtheater und am Münchner Residenztheater spielt. Natürlich möchte man gerne an der Burg spielen, und die Rolle hat man drauf. Das ist schon fast wie an der Oper. Nein, es geht darum, in den Ensembles ganz selbstverständlich andere Menschen zu repräsentieren, die zuhauf in der Stadt herumlaufen, und zwar egal, ob in Saarbrücken, Hamburg oder München. Es wäre übrigens auch toll, wenn man diese Diversität im Publikum sähe, auch darum geht es in der «Mittelreich»-Schwarzkopie. 

Sieht man sie?
Bei der Premiere ja, bei der letzten Vorstellung, die recht gut verkauft war, habe ich nicht so viele Schwarze gesehen. Generell braucht es ja immer eine Weile, bis man ein neues oder anderes Publikum erreicht. Und in München hört Matthias Lilienthal bald schon wieder auf. Es gibt offenbar keinen politischen Rückhalt in der Stadt, diesen Prozess weiterzuführen. Gerade das Theater müsste aber doch den Anfang machen in unserer Gesellschaft, gerade jetzt. Wenn ich durch Dresden laufe, ist das keine gute Idee für mich. Im Sommer bin ich zum Spaß mit dem Motorrad nach Brandenburg gefahren, weil ich die Stadt noch nicht kannte. Als ich Mittagessen gehen wollte, bin ich direkt in eine Gruppe Nazis reingelaufen. Ich bin dann zur Sicherheit erst in die Sparkasse gegangen und dann schnell wieder aufs Motorrad. Hatte einfach keine Lust auf dieses Spießrutenlaufen. Ich habe solche Situationen mit Kindern am Badesee schon übelst erlebt. Dass das jetzt in den Bundestag einzieht, dass es salonfähig wird, dass es immer mehr in die Mitte rückt, ist sehr beängstigend. Da müssen Theater entgegensteuern, die haben geradezu die Verpflichtung dazu. 

Nicht nur die Theater.
Nein, auch das Fernsehen muss die ganze Gesellschaft abbilden. Ich zahle ja schließlich auch GEZ und möchte dann auch gerne Inhalte sehen, in denen ich mich repräsentiert fühle. Warum muss ich dafür zahlen und komme dann dort nicht vor? Aber es wird sich ändern. Nicht die Ideologie wird es ändern, sondern die Biologie. Man kann Diversity nicht mehr rückgängig machen. Für mich als Schauspieler übrigens auch nicht ideal: Ich darf dann den Quoten-Apotheker geben. (Lachen)

Haben sich eigentlich das weiße und das schwarze «Mittelreich»-Ensemble irgendwann einmal getroffen?
Nein. Wir kamen in München an und jeder guckte: Wo sind denn die anderen Schauspieler, die das gespielt haben? Erst schlichen die nur so an uns vorbei. Man läuft sich dann aber automatisch über den Weg. Stefan Merki, den ich schon seit 20 Jahren aus Hamburg kenne, hat mir dann so ein paar Sachen zu meiner/seiner Figur gesagt, das war sehr hilfreich. Und Stefan war auch öfter in der Vorstellung. Er hat dann irgendwann gesagt: «Das ist jetzt euer Abend.» 

Das Gespräch führten Eva Behrendt und Franz Wille

Ernest Allan Hausmann, geboren 1968 in Hamburg, lebt in Berlin. An seiner Entstehung seien, so sagt er, sowohl die Sachsen, die Ostfriesen als auch die Ashanti aus der Region Kumasi in Ghana beteiligt gewesen. Seine Kindheit hat er abwechselnd in dem kleinen Dorf Ellerau nördlich von Hamburg und auf Norderney verbracht. Engagements u.a. am Berliner Ensemble, Schauspielhaus Zürich, Theater Neumarkt Zürich, Deutschen Theater Berlin und Thalia Theater Hamburg, dort zuletzt in Nicolas Stemanns Inszenierung von Elfriede Jelineks «Die Schutzbefohlenen» (2014) und Bastian Krafts Kushner-Inszenierung «Engel in Amerika» (2015).