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Corona Chronik

Wie ist das Musikerleben in der Krise? Zwei Sängerinnen erzählen

Tara Erraught

Und dann gibt es noch die ganz anderen Fälle. Die allen Grund zur Enttäuschung hätten und zur Existenzangst, die aber auf ihre Weise dunkle Gefühle bekämpfen. Tara Erraught ist gerade eine «Cenerentola»-Serie an der Met weggebrochen. Schnell ist sie zurückgeflogen nach Irland, in ihr Dorf. Auch sie ist erst seit relativ kurzer Zeit Freiberuflerin, nachdem sie sich vom Münchner Mutterhaus abgenabelt hat. «Wie dumm», sage sie sich manchmal angesichts der jetzigen Situation. Doch dann schieben sich gleich all die großen Engagements der jüngeren Zeit vor diesen Gedanken.

«Panik ist nicht mein Ding, mein Problem ist nur – ich bin total ungeduldig.» Mit Kollegin Angela Brower, die sich andernorts aufhält, singt sie Duette in Sozialen Netzwerken. Und Tara Erraught «übt ohne Ende». Nachdem «Così fan tutte» zu ihren Lieblingsopern zählt, sie hier schon Despina und Dorabella war, lernt sie nun die Fiordiligi. «Meine Lehrerin wird mich töten, wenn sie davon erfährt.» Das Familienleben, das spürt man im Gespräch, ist bei ihr Kraftspender und Sicherheitsnetz, wobei Letzteres nicht unbedingt materiell gemeint ist. Und manchmal kümmert sich Tara Erraught einfach um ihren 93-jährigen Großvater. «Weil ich aus den USA kam und Abstand halten muss, bin ich neulich in den Garten, während er bei geöffnetem Fenster im Zimmer saß. Da habe ich ihm all die irischen Lieder vorgesungen, die er so liebt.»

Juliane Banse

Eine weitere Erfahrung machen die freien Sänger gerade. Es ist der Zwangswartestand, mit dem sie (wie viele andere Berufstätige auch) nun zurechtkommen müssen. Kein Termindruck mehr, kein Hetzen zum nächsten Flieger, zur nächsten Probe, zum nächsten Auftritt – auf einmal sind alle ungewohnt familiär. Ruhe, Muße, wie das wohl funktioniert? «Das Einzige, was neulich passierte, war der Blockflötenunterricht für unsere Tochter.» Juliane Banse lebt mit ihrem Mann, dem Dirigenten Christoph Poppen, und drei Kindern am bayerischen Ammersee. «Die Situation sind wir freien Künstler nicht gewöhnt, sonst sind wir ja oft fremdgesteuert. Es ist ein bisschen wie im luftleeren Raum.»

Sich und dem Tag eine Struktur geben, von 100 auf null auch innerlich zurückfahren: Alle müssen das in diesen Wochen üben. Dabei gehört die Sopranistin zu den Wagemutigen. Kurz vor dem Shutdown in Deutschland war sie noch in Pakistan, für eine ungewöhnliche, mit Tanzelementen arbeitende Version von Schuberts «Winterreise». Gefühlt sei dort Corona sehr weit weg gewesen, bis auf ein paar Maskenträger auf den Straßen und im Publikum. Auch sie und Christoph Poppen können auf ein Grundgehalt dank ihrer Hochschultätigkeiten bauen. «Aber trotzdem stellt uns die Situation vor Probleme. Schließlich haben wir drei Kinder – wie wir das alles stemmen sollen, ist uns noch nicht klar.» Deshalb schielt Juliane Banse schon nach Fernost. Sie hat ein Engagement, ausgerechnet in China, und möchte im Mai sogar hinfliegen. Das Leben dort laufe doch gerade wieder an. «Und ob ich hier mit Mundschutz herumlaufe oder in China, das gibt sich nicht viel.»

Den gesamten Beitrag von Markus Thiel
lesen Sie in Opernwelt 5/20