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Ein Leben für Kostüme

Jürgen Rose rekonstruiert «Mayerling». Ein Werkstattbericht von Angela Reinhardt

Der legendäre Bühnenbildner stattet für Stuttgart das alte «Mayerling»-Ballett von Kenneth MacMillan neu aus. 

Der Mond über den russischen Birkenwäldern von «Onegin», der helle Sonnenhut der «Kameliendame», der blaue Baldachin, in dem König Ludwig in «Illusionen wie Schwanensee» ertrinkt: ikonische Motive, ohne die viele Lieblingsballette der Deutschen nicht denkbar sind. Jürgen Rose hat sie erfunden, er stattete die berühmten Abendfüller von John Cranko und John Neumeier aus, die auch in Paris, London oder Moskau zu Klassikern geworden sind. Der heute 81-jährige Bühnen- und Kostümbildner ist eine lebende Legende. Balletttänzer lieben ihn, weil sie in seinen Kostümen nicht nur hinreißend aussehen, sondern tatsächlich zu den Figuren heranwachsen, die sie verkörpern. Um die 300 Ausstattungen hat Rose entworfen, mit genauso großem Erfolg in Schauspiel und Oper – von Kurt Hübner über Rudolf Noelte und August Everding bis zu Götz Friedrich arbeitete er praktisch nur mit den großen Theaterleuten, jahrzehntelang stattete er Dieter Dorns Inszenierungen an den Münchner Kammerspielen aus. Auf eine bestimmte Optik, eine «Masche» hat sich der Detailfanatiker dabei nie kapriziert, seine Fantasie reichte von rauschhaften Farborgien bis zum kargen, durchscheinenden Minimalismus.

Seit John Neumeiers «Cinderella Story» im Jahr 1992 aber hat Jürgen Rose kein Handlungsballett mehr ausgestattet, viel lieber inszenierte er zuletzt Opern. Nach einer fast 60-jährigen Karriere (bei seinem Durchbruch mit Crankos «Romeo und Julia» war er gerade 25) betreut er heute eigentlich nur noch seinen Garten und seine Klassiker, wenn sie irgendwo auf den Bühnen der Welt neu gemacht werden. Als er bei einer Wiederaufnahme seines Stuttgarter «Dornröschen» mit der ihm eigenen Pingeligkeit Blüten an Ballerinen zurechtzupfte, fasste sich Tamas Detrich, damals noch designierter Ballettintendant, ein Herz und fragte einfach mal nach, ein passendes Stück hatte er schon im Kopf. «Auf gar keinen Fall», hieß die erwartete Antwort. Mit viel Geduld (und einer Traumerscheinung von John Cranko persönlich) schaffte es schließlich Márcia Haydée, den Meister zu überreden, in dessen Roben sie ihre Weltkarriere gemacht hat. Als Gegenleistung verpflichtete Rose sie dazu, in der Stuttgarter Neuproduktion von Kenneth MacMillans «Mayerling» die Kaiserinmutter Sophie zu spielen, charmanterweise neben Egon Madsen als Kaiser Franz Joseph: Beide kleidete er schon vor über 50 Jahren für die Uraufführung von «Onegin» ein.

«Ich bin jetzt so in dem Stück drin, so krankhaft, so befallen oder wie man das nennen will, weil ich seit zwei Jahren gar nichts anderes mache», erzählt ein körperlich müder, ansonsten enthusiastischer Jürgen Rose. Mehrere Male war er in den Wiener Schlössern und Museen, las alle Bücher, Memoiren und Briefe, steckt bis zum Hals in der k.u.k.-Monarchie und ihrer Geschichte. Seit Nicholas Georgiadis 1978 die Geschichte des unglücklichen Kronprinzen Rudolf, der sich und seine Geliebte Mary Vetsera 1889 auf Schloss Mayerling umbrachte, für die Uraufführung am Royal Ballet in London ausgestattet hat, sind zahlreiche neue Details über die historischen Ereignisse bekannt geworden. Anders als Roses ewig schöne «Kameliendame», die exakt im gleichen Jahr entstand, wirkt die überladene «Mayerling»-Ausstattung mit ihren Orange- und Brauntönen heute ziemlich altbacken. Georgiadis hat sich wohl damals nicht so recht in die Geschichtsmaterie vertieft.

«Zuerst dachte ich: Ist das schrecklich bunt! Mit 81 Jahren darf ich so was spontan sagen, ich weiß, dass andere über meine Arbeit dasselbe meinen», so Rose. Angesichts der zahllosen historischen Fotos in Grau und Sepia-Farben, die er im Vorfeld gesammelt hatte, entstand eine Idee in seinem Kopf: «Ich mach alles nur schwarzweiß.» Außer dem roten Doppeladler der Österreicher gibt es keinerlei Farbe in seinem Bühnenbild, es wirkt fast dokumentarisch. Einzig durch die ebenfalls schwarzweißen Kostüme ziehen sich Farben, vor allem um die vielen Frauenfiguren zu unterscheiden: «In London tragen verschiedene Personen dieselben Farben, man kann sie manchmal kaum unterscheiden. Das habe ich von Cranko gelernt, dass die Figuren durchgängig charakterisiert sein müssen.» Nun trägt die Kaiserin Rot, Rudolfs Braut natürlich Weiß, die intrigante Geliebte Grün, für die junge Mary Vetsera «ist es ein leichtes Korallenrot, das ist mal was anderes; eine Farbe, die sonst nicht vorkommt.» Marys Korallenkette stammt von Jürgen Roses Mutter, auch die Spitze für ihr Kleid war einst eine wertvolle Decke, die er auf dem Dachboden gefunden hat. Wie so oft war schon genau das Passende in seinem riesigen Fundus, den er ein ganzes Leben lang zusammengetragen hat.

Auch alle Möbel und Requisiten sind echt, Rose hat in Wien eine alte Kutsche gekauft und restaurieren lassen. 198 Kostüme hat er entworfen, das ist nur die erste Besetzung, insgesamt werden an die 600 Kostüme genäht – Ballkleider, Uniformen, Negligés, Kleider für Kaiserinnen und Huren. Es wird eine Ausstattungsorgie, absolut, aber Rose hat inzwischen verstanden, warum das so ist: «In seiner persönlichen Situation interessierte sich MacMillan allein für diese eine krankhafte Figur, diesen kaputten Rudolf. Langsam wird mir immer klarer, warum eine Drehbuchautorin das Libretto geschrieben hat: Diese vielen Bilder und die 200 Kostüme, die Unmengen von Requisiten, das ist im Grunde wie ein großer Filmschwenk. Es ist Atmosphäre im Hintergrund, wie bei einem Hollywoodfilm. Man braucht das alles, diese Uniformen, diesen Aufmarsch, diese Huren, und dann zoomt MacMillan wieder hinein ins Schlafzimmer zu einem dieser genialen Pas de deux. Weil die Mutter Rudolf abweist, kommt es zur Tragödie.» Die heftigen, zum Teil brutalen Pas de deux und die spannende Figur des selbstmörderischen, ständig provozierenden Rudolf müssen lange, statistengefüllte Tableaux aufwiegen. «Márcia hat das mal gesagt, als wir zusammensaßen: Bei Cranko geht es um die Liebe, bei MacMillan geht es um Sex, um Besessenheit. Auch bei ‹Manon›, bei ‹Anastasia›.»

Das Schlimmste an der «Mayerling»-Aufgabe war, dass Kenneth MacMillan nicht mehr lebt. «Ich hatte keinen Ansprechpartner! Ich hatte meinen Mann Max und meinen Assistenten Christian, wir haben uns zwei Jahre lang gegenseitig aufgehetzt und Kontra gegeben ...» So fiel Jürgen Rose, der lange vor den Choreologen und den angereisten Ballettmeistern im Stuttgarter Staatstheater arbeitete, der den Tänzern mit den Kostümen auch ihre Rollen auf den Leib steckte, eine noch viel wichtigere Rolle zu als sonst. Nicht nur erzählte er den Schneidern und Malern die Geschichte zu seinen Entwürfen, zwei Stunden lang stand Rose auch im Ballettsaal und erklärte der Ballettkompanie die Handlung, zeigte Fotos der echten Personen und seine eigenen Entwürfe. Mit Friedemann Vogel sprach er über den Protagonisten, über «diese kaputte Seele» und wie Rudolf die Wut aus der einen Szene in die nächste mitnimmt. Die durchgehende Entwicklung der Figuren ist so wichtig: «Ich hab das vor allem durchs Schauspiel gelernt, dass ich dramaturgisch arbeite, über Figuren und ihre Zustände nachdenke. Das hat mir auch Cranko beigebracht, er war ein starker Dramaturg. Viele Bühnenbildner machen einfach nur tolle Kostüme, denken aber nicht daran, was in der nächsten Szene passiert oder was die Kostüme aus dem Charakter machen. Das war mir immer wichtig, auch weil ich immer mit so starken Partnern gearbeitet habe. Natürlich hatten wir große Auseinandersetzungen, da habe ich viel gelernt.»

Und so baut Jürgen Rose still und heimlich «Mayerling» um: «Ich kann ja nichts ändern. Jeder Schritt, der gemacht ist, kann nur so getanzt werden, jeder Stuhl muss da stehen, wo er in der Londoner Aufführung steht. Ich kann nur die Requisiten ein wenig ändern, auch mit dem Wissen, was man heute, 40 Jahre später, zusätzlich hat.» So lässt er zum Beispiel die pompösen und im Grunde völlig ähnlichen Schlafzimmer, die man bei Georgiadis sieht, jetzt von den jeweiligen Personen erzählen, die dort hausen. Im Gemach von Kaiserin Elisabeth sind die vielen Kleiderpuppen verschwunden, dort hängen jetzt Gemälde all ihrer Lieblingspferde, in den Vasen stehen wilde Wiesenblumen, weil sie nur die liebte. Ihren Körperkult verewigt er in einer Sprossenwand, nur sollte sie die auch benutzen: «Dazu hab ich zu viel mit Rudolf Noelte gearbeitet: Wenn ich so was dastehen habe, dann muss es auch einen Sinn haben.» Also hat er im Vorfeld schon mal die paar Takte Musik herausgelauscht, wo Sissi einen Klimmzug machen könnte. «Die Lady», gemeint ist die Witwe des Choreografen, sei völlig offen für seine Vorschläge. Überhaupt, so erzählt Rose, freue sich Lady Deborah MacMillan über die neue Ausstattung. Vielleicht hat auch sie sich am alten Pomp sattgesehen.

Rudolfs Zimmer wird «nicht irgendein Raum im Schloss», sondern ist vollgestellt mit Büchern, Vögeln und Vogelskeletten – der Kronprinz, so Rose, «war ein hochintelligenter Junge, wissbegierig, belesen, Vogelkundler, der konnte zeichnen. Es gibt von Mary Vetsera einen Tagebucheintrag, wo sie beschreibt, wie sie in seinem Zimmer warten musste mit den Tieren, diesen ausgestopften Vögeln, sie schildert es als sehr beängstigend.» Rudolfs Bett, in der alten Ausstattung mit einem goldenen Baldachin verhängt, ist nun mit einem schwarzen Adler so unheimlich geworden, dass sich die Damen aus den Theaterwerkstätten davor gruseln. Rose erzählt eine Geschichte mit diesem düsteren Bett, will es gerne mit jeder Szene zerwühlter zeigen, genau wie Rudolfs Psyche. So versteht man immer besser, welch großen Unterschied eine Rose-Ausstattung für ein Handlungsballett ausmacht.

Das merkwürdig eingeschoben wirkende Bild in der Taverne wird politisch: «Rudolf hatte ja auch die große Sympathie zu Frankreich und wollte Präsident werden, nicht Kaiser. Er war ein modern denkender Mensch, nur 20 Jahre zu früh.» Nun gibt es Parolen auf den Plakaten, er habe «so ein bisschen ‹Liberté› und ‹Weg mit dem Kaiser› an die Wand gesprüht», wie er sagt. Der Divertissement-artige Ausflug ins Amüsement bekommt damit einen aktuellen Unterton. Selbst die Schwangerschaft von Rudolfs Gattin Stephanie setzt Rose raffinierter ein, macht damit den zeitlichen Ablauf klarer. Eine Jagdszene, die eigentlich nur den Sinn hat, dass Rudolf aus Versehen fast seinen Vater erschießt, verspricht nun erst richtig Spaß zu machen: «Es gibt so viele Bilder von Franz Joseph auf der Jagd, immer in Lederhosen mit Janker und Gamsbart. Ich hab vor und nach der Wies’n alles an Lederhosen aufgekauft.»

Sämtliche Hintergrundprospekte hat der Bühnenbildner von Hand gezeichnet, fast 20 Entwürfe in kleinen schwarzen und grauen Strichen, ob kaiserliche Salons oder Waldlichtung: «Wenn ich alle Striche meines Lebens zusammenzähle, hab ich nicht annähernd so viele gemacht wie hier. Ich hatte blutige Hände vom Anspitzen.» Gemalt werden die Prospekte heute nicht mehr, sondern in riesiger Vergrößerung gedruckt; aber allein der Tüll wirkt leichter als die schweren, düsteren Stoffe des Originals. «Cranko wollte ja, dass ich bei Georgiadis studiere », erinnert sich Jürgen Rose: «Der war damals der ganz große Ausstatter in London für Oper und Ballett. Erst 1972, da war Cranko in meinem Münchner ‹Rosenkavalier›, da hat er nachher ganz stolz Gwyneth Jones und Lucia Popp gratuliert und gesagt: ‹Hat er euch nicht schön angezogen? Er muss jetzt nicht mehr nach London studieren gehen, er kann’s.› Das war der Ritterschlag!»

Und dann wäre da noch die schöne Leich‘ am Schluss: Statt einer Statistin, wie in London, will Rose unbedingt die echte Mary im Sarg liegen haben: «Eine Tänzerin, die diese Rolle tanzt, muss auch den Tod tanzen! Das sind so Dinge, die sind ganz wichtig für mich.» Sie müsste sich halt rasend schnell umziehen nach der Selbstmordszene, die Ballerina Elisa Badenes hat er dabei auf seiner Seite, nur die Lady muss noch zustimmen. Für die allerletzte liebevolle Geste des Stückes überlegt er noch, welche Blumen Rudolfs Adjutant Bratfisch auf Marys Sarg legt. Bloß keine Allerweltsrose wie in London, vielleicht einen Veilchenstrauß: «Irgendwas Persönliches.»

«Mayerling» ab 18. Mai beim Stuttgarter Ballett;

www.stuttgarter-ballett.de