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Auf Leben und Tod

Georg Friedrich Haas' Oper «Koma»

Gehen ohne zu verschwinden. In nächster Nähe sternenweit entfernt. Mit Händen zu greifen und doch unerreichbar. Sprachloser Schwebe ausgeliefert, gefangen zwischen Leben und Tod. So lange der Körper versorgt wird, das Blut pulsiert wie vorher. Vor dem alles entscheidenden Moment, als das Bewusstsein versank in tiefe Nacht. Und mit ihm die Fähigkeit, Kontakt zu halten zur Welt da draußen.

Es ist ein atemraubender Zustand, die unfassbare Realität von Menschen, die in ein Wachkoma gefallen sind. Niemand weiß, was Auge und Ohr, Nase, Zunge oder Haut dieser Menschen noch wahrnehmen, was die womöglich noch intakten Sinne der abgeschnittenen Seele senden. Eine Zumutung. Ein Ernstfall, der niemanden kalt lässt, uns alle angeht. Weil eine Frage mitschwingt, der sich ein jeder, früher oder später, zu stellen hat: Was, wenn ich selber gehen muss?

Der österreichische Komponist Georg FriedrichHaas (*1953) schlägt, seit er Musik erfindet, Funken aus dieser Nacht. Genauer: Aus einer Zwischenzone, in der Licht und Dunkel sich verschränken, das Helle von Finsternis durchdrungen ist. In «Koma», vor drei Jahren in Schwetzingen uraufgeführt, rücken eine hirntraumatisierte Patientin und deren Familie in den Mittelpunkt einer rasend ruhigen Handlung. Ein radikaler, berührender, ein visionärer Versuch, den inneren Gefühlshorizont einer uneinholbar entrückten «Kranken» mit klanglichen Mitteln nachvollziehbar zu machen.

Vielleicht sollte man eher sagen: zu durchleben. Denn der Sog der aus Mikrotönen geschichteten, naturalistisch verschatteten, ungeheuerlichen Musik entsichert uns genau so wie die von (traumatischen) Erinnerungen überwältigten Angehörigen auf der Bühne. Wenn aus dem Verdrängten plötzlich das Bild der prügelnden Mutter wieder in den Blick rückt, tönen die Hiebe aus dem Orchestergraben. Wenn vom totenstillen See die Rede ist, in dem Michaela fast ertrunken wäre, evozieren aus «reinen» Intervallen gebildete, unheimliche Obertonakkorde die Verwerfungen einer nur an der Oberfläche friedlichen Idylle. Oper – darunter versteht Haas ein «Theater der Emotionen», das Extreme auslotet, unter die Haut fährt. Mehr als die Hälfte der «Koma»-Szenen spielt in absoluter Dunkelheit. Nur dann, wenn uns schwarz wird vor Augen, ist die wortlose Stimme Michaelas zu hören – tastende Vokalisen, die nicht dem eben noch auf der Bühne sichtbaren Körper (einer Statistin) entfahren, sondern von irgendwoher kommen, aus einem ungreifbaren, schwerelosen Raum.

Aber auch bei Tag, wenn die Familie die Nichtansprechbare durch Handauflegen und Zureden ins «normale» Leben zurückzuholen hofft, oder im «Schattenriss», jenem diffusen Zwielicht, das die therapeutischen Maßnahmen des Krankenhaus-Personals konturiert, bleibt das Geschehen stets an die Perspektive der zentralen Protagonistin gebunden. Es ist ihre schweigende Präsenz, an der sich die Dialoge und Monologe der anderen entzünden – die kühle, gestanzte Diktion der Medizin wie die erregte, flehende, halluzinierende Sprache der Familie, die, verzweifelt die guten Geister der Vergangenheit beschwörend, in Abgründe schaut. Wenn etwa ein Albtraum wieder hochkocht, der lange ausgeblendet war: dass die Mutter einst der unverheiratet schwanger gewordenen Michaela den Tod wünschte. Eine gespenstische Szene und ein Hörabenteuer von höchster, scheinbar improvisierter Intensität. «Koma» erspart uns nichts, das Stück schmerzt, es sticht mitten ins Herz. Einige halten das nicht aus, laufen davon. Wer sich auf das Undenkbare einlässt, spürt in jedem Takt die Fragilität des Lebens. Und jenen Ort, an dem von uns noch niemand war, zu dem wir gleichwohl alle gehen – die Schwelle zum Tod.

Albrecht Thiemann

«Koma» am 3., 8., 11., 15. Mai in Klagenfurt. Infos
Am 14., 15. Juni in Dijon zu sehen. Infos