Gehen ohne zu verschwinden. In nächster Nähe sternenweit entfernt. Mit Händen zu greifen und doch unerreichbar. Sprachloser Schwebe ausgeliefert, gefangen zwischen Leben und Tod. So lange der Körper versorgt wird, das Blut pulsiert wie vorher. Vor dem alles entscheidenden Moment, als das Bewusstsein versank in tiefe Nacht. Und mit ihm die Fähigkeit, Kontakt zu halten zur Welt da draußen.
Es ist ein atemraubender Zustand, die unfassbare Realität von Menschen, die in ein Wachkoma gefallen sind. Niemand weiß, was Auge und Ohr, Nase, Zunge oder Haut dieser Menschen noch wahrnehmen, was die womöglich noch intakten Sinne der abgeschnittenen Seele senden. Eine Zumutung. Ein Ernstfall, der niemanden kalt lässt, uns alle angeht. Weil eine Frage mitschwingt, der sich ein jeder, früher oder später, zu stellen hat: Was, wenn ich selber gehen muss?
Der österreichische Komponist Georg FriedrichHaas (*1953) schlägt, seit er Musik erfindet, Funken aus dieser Nacht. Genauer: Aus einer Zwischenzone, in der Licht und Dunkel sich verschränken, das Helle von Finsternis durchdrungen ist. In «Koma», vor drei Jahren in Schwetzingen uraufgeführt, rücken eine hirntraumatisierte Patientin und deren Familie in den Mittelpunkt einer rasend ruhigen Handlung. Ein radikaler, berührender, ein visionärer Versuch, den inneren Gefühlshorizont einer uneinholbar entrückten «Kranken» mit klanglichen Mitteln nachvollziehbar zu machen.