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Theaterfotografie #4

Augenblick, verweile doch!

Die Magie des Augenblicks festhalten – darum geht es Matthias Creutziger

Von Florian Zinnecker

Ich bin kein rationaler Fotograf», sagt Matthias Creutziger über sich selbst. «Das Emotionale ist für meine Arbeit elementar.» Das Lieblingsfoto des langjährigen Hausfotografen der Dresdner Semperoper ist dafür der beste Beweis: Es zeigt die Mezzosopranistin Iris Vermillion als Penthesilea in der gleichnamigen Oper von Othmar Schoeck – die Inszenierung von Günther Krämer an der Sächsischen Staatsoper stammt aus dem Jahr 2008. «In diesem Foto kommt beides zusammen», sagt Creutziger. «Es vermittelt nicht nur die Aussage des Stücks, sondern auch ein Gefühl für das Stück.» Genau darauf komme es ihm an. «Mein Ansatz ist es, die Magie des Augenblicks einzufangen. Davon lebe ich, und deshalb bin ich überhaupt Fotograf geworden.»

Creutzigers Weg zur Opernfotografie begann Mitte der 80er-Jahre in Dresden, als er, damals freier Journalist, über befreundete Grafiker zu einer freien Künstlergruppe stieß: der «Arbeitsgruppe Theaterplakat», angedockt am Staatsschauspiel. Bei deren wöchentlichem Stammtisch tauchten regelmäßig Regisseure auf, um mit den Grafikern, Autoren und Fotografen über die Kunst des Theaters zu diskutieren. Creutzigers Faszination war geweckt. «Ich habe damals schon klassische Konzerte und Jazz fotografiert, das war für mich eine gute Schule.»

Nach der Wende bot er am Stadttheater Heidelberg seine Dienste als Theaterfotograf an, zufällig war gerade eine Stelle frei – «sie brauchten jemanden, der vom Theater besessen war», sagt er. Und sie fanden ihn in Creutziger. Bald fotografierte er bei den Schwetzinger Festspielen, wurde später Hausfotograf am Theater Ludwigshafen. Im Jahr 2003 zog er zurück nach Dresden: Gerd Uecker wurde Intendant an der Semperoper, schuf eine Stelle für einen  Hausfotografen, Creutziger bewarb sich und blieb bis 2015. Seither arbeitet er wieder frei.

Auf die Suche nach dem geeigneten Motiv begibt sich der Fotograf mit einem grundsätzlichen Konzept des Stücks, mit dem er es zu tun hat – nicht schriftlich, sondern im Kopf. «Ich weiß, was in welchem Moment auf der Bühne passiert und welche Schlüsselmomente es gibt, auf die ich meine Standpunkte ausrichten muss.» Deshalb ist es wichtig, dass im Parkett so viele Sitzreihen wie möglich frei bleiben, «weil ich dann immer hin und her wetze». Seine Arbeitsweise: selbstvergessen, wie im Rausch. «Der Verstand hört irgendwann auf, ich lebe dann im Stück. Wenn das Stück vorbei ist, bin ich durchgeschwitzt und erledigt, dann ist die Arbeit getan.» In die Nachbearbeitung der Fotos steckt er so gut wie gar keinen Aufwand. «Ich nehme die Fotos, wie sie sind» – bei einzelnen Bildern muss der Zuschnitt korrigiert werden, mehr ist es nicht.

Sein Auftrag beinhaltet zum einen die Dokumentation – Bühnenbildfotos, Rollenporträts, Totale, plakative Handlungssujets. Was ihn vor allem reizt, ist die Verbindung von Gestaltung und Ausdruck: «Das Grafische ist die Grundlage, die muss immer stimmen. Aber auch der emotionale Ausdruck der Darsteller und die Stimmung, die mir das Stück vermittelt, müssen da sein.» Und dann ist da noch ein besonderer Ehrgeiz: «Ich arbeite auch darauf hin, dass ich zwei richtige Kracher liefern kann, in denen die Gefühlsenergie des Stücks greifbar wird. Das ist mein eigentliches Ziel, und das klappt eigentlich auch immer.»

Im Parkett agiert er mit zwei Kameras, eine ist auf ein Stativ montiert, die andere hat er in der Hand. «Die Technik steht für mich aber nie im Mittelpunkt», sagt er, «die ist nur Hilfsmittel.»

Viele weitere Fotografien finden Sie auf der umfangreichen Website von Matthias Creutziger: www.creutziger.de