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Es ist unser Land

Der ukrainische Bariton Iurii Samoilov

Der Bariton Iurii Samoilov steht gerade sehr erfolgreich als Titelfigur in «Don Giovanni» und Guglielmo in «Così fan tutte» auf der Bühne. Doch seine große Sorge gilt dem Land, das seit dem 24. Februar von einem Krieg überzogen wird, seiner Heimat, der Ukraine. Ein Gespräch über Solidarität, falsche Versprechungen, den Sinn von Sanktionen und die Rolle der Kunst

Herr Samoilov, wie geht es Ihnen?
Ich bin sehr, sehr traurig. Ich bin nervös, verzweifelt. Und manchmal alles zusammen. Was ich nicht spüre, ist Aggressivität oder Wut. Ich habe vor allem Angst um meine Familie, die in der Nähe von Odessa lebt, Angst um meine Freunde und Bekannten, Angst aber auch um Menschen, die ich nicht persönlich kenne, die aber diesem Krieg hilflos ausgesetzt sind. Denn auch wenn sie nichts sehnlicher wünschen, als ihr Land zu verlassen, geht das inzwischen nicht mehr. Die großen Städte wie Kiev, Kharkiv oder Odessa sind geschlossen, es gibt Sperrstunden. Nur Krankenwagen, Polizei und militärische Fahrzeuge dürfen fahren.

Gibt es eine Chance, Ihre Eltern noch rechtzeitig herauszuholen?
Ja. Ich hatte mit meinen Eltern schon am 24. Februar, bei Ausbruch des Kriegs, gesprochen und sie davon zu überzeugen versucht, von Odessa erst in Richtung West-Ukraine und dann über die Grenze nach Polen, Moldawien oder Rumänien zu gelangen. Zunächst wollten sie das Land nicht verlassen. Aber gerade heute haben sie sich umentschieden und sind auf dem Weg zur rumänischen Grenze. Das Problem ist nur: Nicht nur dort ist das Verkehrsaufkommen gewaltig. An der polnischen Grenze etwa bilden sich kilometerlange Schlangen mit Menschen, weil nur zirka fünf Personen pro Stunde ins Land hineingelassen werden. Es sind viele Ausländer darunter, zudem schwangere Frauen, Frauen mit kleinen Kindern, die Bedingungen sind schrecklich. Ich kann mir nur vorstellen, was diese Menschen da gerade durchmachen. Mehrere Bekannte haben mir erzählt, dass die Menschen zum Teil seit zwei, drei Tagen dort stehen und warten, nachdem sie 50 bis 60 Kilometer zu Fuß gelaufen sind, um die Grenze zu erreichen.

Haben Sie weiterhin Kontakt zu Ihren Eltern?
Ja, zum Glück telefonisch und per SMS. Wir reden jeden Tag mehrmals miteinander. Ich schreibe ihnen Kurznachrichten, sie antworten. Oder umgekehrt. Vor einigen Tagen hat mir mein Vater eine halbe Stunde vor Vorstellungsbeginn von Mozarts «Don Giovanni» an der Semperoper Dresden, wo ich mein Debüt in der Hauptrolle gegeben habe, eine Nachricht geschrieben, quasi als «toi, toi, toi», und mir dann beiläufig mitgeteilt, dass er mit meiner Mutter gerade in einem Bunker sitzt, weil es einen Luftangriff auf Odessa geben könnte. Wenn man weiß, dass es in der Nähe eine Chemiefabrik gibt, die, wenn sie bombardiert würde, alles Leben im Umkreis von 20 Kilometern vernichten würde, ist das nicht unbedingt ein charmanter Gedanke.

Wie schaffen Sie es mental, als Don Giovanni auf eine Bühne gehen, um Frauen zu verführen, wenn Sie eine halbe Stunde zuvor erfahren haben, dass Ihre Eltern mit solchen «Aussichten» in diesem Luftschutzbunker sitzen? Ist das nicht eine nachgerade unmenschliche Anstrengung?
Nein, das ist es nicht. Ich weiß zwar nicht, wie ich es machen konnte. Aber es hat funktioniert. Und ich glaube, manchmal muss man sich einfach zusammenreißen und tun, was man tun muss. Und ganz ehrlich: Es macht ja auch wenig Sinn, die Hände vor die Augen zu schlagen oder in Ohnmacht zu fallen. Und siehe da, nach der Aufführung hat mein Vater mir eine Nachricht geschickt; sie seien wieder raus aus dem Bunker. Natürlich war ich anfänglich schockiert, als ich erfuhr, wo sie waren. Aber ich kann ja von hier aus ohnehin kaum etwas machen. Ich versuche alles, was möglich ist, aber das bringt den Menschen in der Ukraine so gut wie nichts.

Sie haben aber dennoch schon Aktionen durchgeführt ...
Ja, das stimmt. Nach der «Così»-Vorstellung an der Oper Frankfurt am 24. Februar bin ich zum Applaus mit der ukrainischen Flagge auf die Bühne gegangen; vor wenigen Tagen, an der Semperoper, habe ich diese Geste wiederholt. Vorgestern wollte ich eigentlich zur Grenze fahren, habe mich aber nach Gesprächen mit ukrainischen Gemeinschaften in Dresden dagegen entschieden. Es gibt nichts zu tun, mehr als 15 Autos, die dort waren, sind schon ergebnislos zurückgekommen – unsere polnischen Freunde sind sehr gut aufgestellt, was Hilfsgüter betrifft. Ich organisiere nun ein Fundraising, mit dem ein Transport von Lebensmitteln, Kommunikationsgeräten und sonstigen notwendigen Mitteln ermöglicht werden kann. Und mit Kollegen von der Oper Frankfurt bin ich gerade im Gespräch, dass wir ein Konzert geben, um die Einnahmen den Menschen in der Ukraine zukommen zu lassen.

Haben Sie verlässliche Partner, die das Geld sicher in Ihre Heimat transferieren können?
Zum Glück habe ich solche Partner, ja! Und es gibt zahlreiche Menschen, die mir vertrauen, dass ich dafür sorge, dass das Geld in die richtigen Hände fällt. Meine polnischen Kollegen von der Oper haben schon jede Menge Kleidung, Essen und Spielzeug für Kleinkinder zur polnisch-ukrainischen Grenze geschickt. Was wir nun aber brauchen, ist Hilfe im Land. Und das ist ein Problem. Sie können sich dort nicht mehr sicher bewegen. Jetzt müssen wir Schritt für Schritt gehen.

Welche Impulse erhoffen Sie sich von der Kunst, konkret von den Theatern, von den Opernhäusern? Nützen Boykotte oder Sanktionsandrohungen gegen russische Künstler, die sich nicht entschieden gegen Putin stellen? Oder genügt es schon, Solidarität zu bekunden?
Solidarität zu bekunden, ist etwas Schönes. Aber wir brauchen jetzt Politiker, die nicht nur reden, sondern auch etwas Konkretes anbieten können. Und damit meine ich ganz sicher keine Soldaten. Sondern jedwede Form humanitärer Unterstützung. Sanktionen und Schimpfkanonaden gegen Künstler, die nichts mit der russischen Politik zu tun haben und diese Diktatur auch nicht aktiv unterstützen, halte ich hingegen für verfehlt. Das sind doch nur Schauspielerinnen, Choristen, Sängerinnen und Tänzer, die auf einer Bühne stehen. Was sollen sie denn tun? Es ist schließlich nicht der Krieg des russischen Volkes gegen das ukrainische Volk. Es ist der Krieg eines einzelnen Diktators gegen uns und unsere Freiheit. Natürlich gibt es Künstler, die das Regime unterstützen, und es gibt Künstler, die schweigen, weil sie womöglich Angst haben. Es ist schwer zu sagen, wie man das bewerten soll, oder ob man einzelne Veranstaltungen absagen sollte. Ich mag das nicht entscheiden. Es ist die Entscheidung jedes einzelnen Hauses und jedes einzelnen Künstlers, in welcher Form er oder sie die Ukraine unterstützen will.

Das heißt, die Theater und Opernhäuser können im Grunde eben doch nicht mehr tun, als ihre Solidarität zu bekunden?
Es geht hierbei ja nicht nur um Solidarität. Die Künstler sind keine Politiker, aber sie sind immerhin Botschafter. Ihre Nachrichten an die Menschen sind wichtig, ich selbst mache das. Jedes Konzert, jede Lichterkette, jede Protestnote bringt etwas. Denn solche kleine Aktionen bewirken immerhin, dass wir wissen: Die demokratische Welt steht uns bei. Diese Unterstützung merkt man schon. Der Geist der Freiheit wird spürbar. Aber beim Begriff «Solidarität» stutze ich: Was bedeutet das eigentlich? Es ist wirklich schön, dass Menschen in der ganzenne unterstützen. Aber was bringt es wirklich?

Finden Sie es auch richtig, Veranstaltungen in Russland zu boykottieren? Das trifft ja gerade in der Oper auch viele ausländische Künstler. Denken wir nur an die Besetzung des «Lohengrin», der neulich am Bolschoi Theater Premiere feierte. Unter den Solistinnen und Solisten war nur eine Russin ...
Das Problem ist: Es geht nicht um Russland. Es geht nur um eine Person, um Putin. Und ich würde gerne Theater als einen Ort sehen, wo Menschen unterschiedlichster Nationalitäten einander treffen, um gemeinsam etwas Schönes, ästhetisch Überzeugendes zu machen – unabhängig davon, ob sie aus Australien, Deutschland, Russland, den USA oder der Ukraine kommen.

Jede Art von Boykott in Kunst und Sport hilft demnach nichts?
Das Problem ist: Es gibt in Russland wie in der Ukraine sehr viele Menschen, denen es nicht so gut geht, die also nicht für die Kultur streiten, sondern schlicht und ergreifend um ihre Existenzsicherung bemüht sind. Die können protestieren, wie und wo sie wollen, sie bleiben unerhört. Und jene Künstlerinnen und Künstler, die protestieren, werden in Russland fast auf der Stelle festgenommen und mundtot gemacht. Es gibt keine Freiheit. Weder Pressefreiheit, noch freie Meinungsäußerung oder Kunstfreiheit. Nichts davon. Diese Regierung hat das alles zerstört.

Sind Waffen also doch die einzige Lösung, um einen Diktator mit Großmachtfantasien zu stoppen?
Ich bin gegen Krieg, gegen Konflikte dieser Art. Es gibt Wege der Kommunikation, die von Seiten der Ukraine im Übrigen auch seit Jahren beschritten werden. Politiker haben viele Übereinkünfte getroffen. So auch jetzt wieder. Sie versuchen eine Lösung zu finden, die weitere Tote verhindert. Sie wollen reden. Die russische Seite erwidert in solchen Fällen stets das Gleiche: «Wenn ihr eure Waffen niederlegt, können wir reden.» Das ist perfide. Weil es bedeutet, dass Putin die Macht in der Ukraine übernimmt, einfach so.

Was erhoffen und erwarten Sie von der internationalen und, mehr noch, von der deutschen Politik, die lange gesagt hat, dass sie keine Waffen liefern will?
Die Ukraine braucht die Unterstützung der Europäischen Union vor allem bei den möglichen Friedensverhandlungen; damit meine ich keine Richter, aber Beobachter, die einen fairen Verlauf garantieren.

Der Krieg ist deswegen noch nicht beendet ...
Richtig. Und es ist einfach unglaublich, dass das überhaupt passiert. Es ist unser Land. Und es geht längst nicht mehr nur um die Krim oder um die Regionen im Osten, die schon seit acht Jahren völkerrechtswidrig annektiert werden – es geht hier um ein ganzes Land. Und es ist absolut unfassbar, welche Lügen die russische Propaganda verbreitet, wenn sie von den «Nazis» in der Ukraine schwadroniert, die ihr Land angeblich bedrohen. Das ist kompletter Unsinn. Wissen Sie, niemand meiner Landsleute hat etwas dagegen, wenn Menschen in der Ukraine die russische Sprache benutzen. Ich selbst bin in Belarus geboren, von wo auch meine Mutter stammt, und in der Ukraine aufgewachsen, der Heimat meines Vaters. Es war für uns nie ein Problem, dass man die russische Sprache benutzte. Oder schauen Sie nach Odessa, wo meine Eltern leben: Da finden Sie rund 100 verschiedene Nationalitäten, es ist wirklich sehr international. Auch deswegen muss das Ziel ein friedliches Ende dieses Konfliktes sein. Und dass die Ukrainer Waffen in Händen halten, ist einzig dazu da, um die Städte zu schützen; die haben nicht vor, Russland angreifen! Sie stehen auf ukrainischem Staatsgebiet und versuchen, die Zivilbevölkerung zu schützen, mehr nicht!

Glauben Sie, dass es hilfreich wäre, die Ukraine schnellstmöglich in die EU aufzunehmen?
Erst einmal muss man diesen fürchterlichen Krieg beenden, bei dem viel zu viele Menschen sterben, und die russischen Aggressoren des Landes verweisen. Und dann muss man wieder das Gespräch suchen.

Geredet wurde auch vor dem 24. Februar 2022 sehr viel. Nur nicht mit einem guten Ergebnis für die Ukraine ...
Das stimmt. Es hat bis jetzt noch nichts gebracht.

Wie kann dennoch eine friedliche Lösung herbeigeführt werden?
Es nützt nichts. Nur der Dialog nützt etwas. Es geht ja nicht nur um den Konflikt zwischen Russland und der Ukraine, es geht auch um den Konflikt zwischen der Welt und Russland, um den Konflikt zwischen demokratisch legitimierten Staaten und dem russischen Imperialismus. Manche naive Zeitgenossen träumen ja von der Idee, dass die Menschen in Russland, Belarus und der Ukraine Brüder sind. Das ist als Idee schon okay. Aber dazu müssten alle diese Menschen gleichberechtigt sein, und die Ukraine müsste unabhängig sein. Wenn dem so ist, dann können wir auf die Brüderschaft trinken. Vorerst aber marschiert die russische Armee von drei Seiten auf Kiev zu. Mein bester Freund, ein Polizist, steht mit einem Maschinengewehr in den Straßen, in der leisen Hoffnung, die Stadt gegen die Aggressoren zu verteidigen.

Was gibt Ihnen Hoffnung?
O je, das ist eine sehr schwierige Frage. Ich weiß nur, dass eine Lösung gefunden muss, um diesen Krieg zu beenden. Und zwar so rasch wie möglich. Damit nicht noch mehr Menschen ihr Leben für einen Diktator lassen müssen. Und das geht nur, indem man redet!

Jürgen Otten führte dieses Gespräch am 1. März 2022.
Es erscheint in der April-Ausgabe von Opernwelt.