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Kunst oder Willkür?

Die schwierige Gratwanderung bei einem Leitungswechsel

Foto: Ralf Mohr/Staatstheater Hannover

Die Direktorin:

Am Mecklenburgischen Staatstheater Schwerin wird Xenia Wiest ab Sommer die Tanzsparte leiten. Sie setzt auf Rundumerneuerung. Fast das gesamte Ensemble muss gehen. Das ist so üblich wie umstritten. Ein Statement der Tänzer, eine juristische Einschätzung und eine Stellungnahme von Xenia Wiest: drei verschiedene Blickwinkel in Sachen «Nicht-Verlängerung».

Frau Wiest, auf welche Weise haben Sie die derzeit noch engagierten Tänzer*innen wahrgenommen oder wahrnehmen können? Wie werden Sie Ihr künftiges Ensemble zusammensetzen, unter welchen Prämissen?
Mein Team und ich haben die Kompanie auf der Bühne erleben können und selbst zwei intensive Vortanzen organisiert. Neben Training und Improvisation konnte ich die Tänzer*innen auch in meinem choreografischen Repertoire sehen. Mit Videoprotokollen und einer Liste objektiver Bewertungskriterien haben wir innerhalb eines Punktesystems die technischen und handwerklichen Qualitäten der Tänzer*innen beurteilt. Gleichzeitig hat jede künstlerische Zusammenarbeit auch einen hohen Grad an Subjektivität: Die Tänzer*innen müssen nicht nur technisch in der Lage sein, meine choreografische Sprache umzusetzen, sondern wir müssen uns untereinander vertrauen und ergänzen. Bei der Menge an Zeit, die man im Ballettsaal und auf der Bühne miteinander verbringt, muss es auch zwischenmenschlich passen – und das ist sicherlich eine sehr subjektive Sache, das richtig einzuschätzen. Auch unter meiner Direktion wird der momentane Stellenplan für die Ballettsparte konstant bleiben. Durch die Neubesetzung freier Stellen erhalten Tänzer*innen, die vielleicht gerade ohne festes Engagement sind, eine sichere berufliche Perspektive. Gleichzeitig habe ich gegenüber der Theaterleitung deutlich gemacht, dass ich einen Investitionsbedarf für das Ballett sehe.

Das gesamte Interview mit Xenia Wiest lesen Sie in der Märzausgabe von tanz

Foto: picture alliance / Jens Büttner/dpa-Zentralbild/dpa | Jens Büttner

Das Ensemble:

Uns war bewusst, dass die Entscheidung über die Auflösung unserer Verträge gefällt worden war, bevor unsere neue Direktorin uns je hatte tanzen sehen. Während der Audition empfanden wir das Verhalten von Frau Wiest überdies als respektlos. Sie versäumte es, sich uns vorzustellen oder uns auch nur zu begrüßen. Ferner interagierte sie nicht mit uns und gab uns auch bezüglich unserer Arbeit keinerlei Feedback. Mehrere Tänzerinnen bzw. Tänzer baten um ein Gespräch mit ihr, dem sie sich jedoch verweigerte. Zwei Wochen später dann fiel ihre Entscheidung: Von insgesamt 14 Tänzerinnen und Tänzern übernahm sie eine einzige Person. Eine weitere Tänzerin wurde von der Nicht-Verlängerung befreit, da sie dem Theater seit mehr als acht Spielzeiten verbunden war. Dies bedeutete, dass zwölf Tänzerinnen bzw. Tänzer sowie unsere Ballettdirektorin und unser Ballettmeister zu einem «Nichtverlängerungsgespräch» gebeten wurden. Dabei handelt es sich um eine Anhörung, zu deren Durchführung die Intendanz gesetzlich verpflichtet ist, bevor sie finale Entscheidungen hinsichtlich unserer Verträge trifft.

Die gesamte Stellungnahme des Ballettensemble des Mecklenburgischen Staatstheaters lesen Sie in der Märzausgabe von tanz

Chloé Lopes Gomes, Foto: Dean Barucja

Der ehemalige Tänzer und angehende Jurist:

Das Ensemble, das beinahe vollzählig aufgrund eines Intendantenwechsels «nicht verlängert» wurde, greift die derzeitige Nicht-Verlängerungs-Praxis an und stellt damit eine jahrzehntelange Usance infrage. Rechtlicher Hintergrund der Nicht-Verlängerung ist die im Tarifvertrag NV Bühne geregelte Möglichkeit, Künstler*innen über mindestens 15 Jahre hinweg immer wieder nur befristet einzustellen.

Das Theater kann jährlich entscheiden, ob die Verträge der Künstler*innen nicht noch einmal automatisch um eine Spielzeit verlängert werden und nach einem obligatorischen Gespräch diese Nicht-Verlängerung aussprechen. Bei Intendantenwechsel bedarf es nicht einmal einer Begründung.

Es liegt auf der Hand, dass diese Praxis Abhängigkeiten schafft und Machtmissbrauch begünstigt. Nicht-Verlängerungen spielen eine zentrale Rolle bei der Aufrechterhaltung rigider Top-Down-Strukturen an deutschen Bühnen. Künstler*innen sind mit dem alljährlich möglichen Verlust ihrer Anstellung bedroht. Wer wird unter solchen Umständen schon den Mund aufmachen, Kritik äußern? Nicht von ungefähr hat kürzlich Chloé Lopes Gomes den Rassismus-Vorwurf gegen ihren Arbeitgeber, das Staatsballett Berlin, erst nach der eigenen Nicht-Verlängerung publik gemacht. Ein mutiger Schritt, denn jede Nicht-Verlängerung stürzt Betroffene in Zukunftsangst und Selbstzweifel. Eine öffentliche Debatte dennoch in Kauf zu nehmen, zeigt, wie ernst es Gomes und nun auch den Schweriner Tänzer*innen ist.

Den gesamten Beitrag von Friedrich Pohl lesen Sie in der Märzausgabe von tanz