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Shivas Erben

Gerhard Brunner über Alterlosigkeit im indischen Tanz

Die Reise nach Indien begann mit einem Schock. Gleich neben der Landepiste in Bombay, dem heutigen Mumbai, stand ein Willkommensgruß verstörender Art, das Gerippe eines ausgebrannten Flugzeugs. Erstaunlich, wie rasch er vergessen war. Ich ahnte, unterwegs zu sein auf einer persönlich wichtigen Reise, der bis dahin wichtigsten. Nicht wissend, dass sie es auch bleiben würde.

Das touristische Routing führte südwärts. Cochin, heute Kochi, war ein attraktives Ziel, kein zwingendes, und Verlegenheit war es, nicht Neugier, die mich abends in die Kerala Fine Arts Society Hall führte. Was sich dort tat, traf wie ein Blitz. Auf der Bühne stand eine Persönlichkeit, von der ich noch nicht wusste, dass sie zu Indiens Berühmtheiten gehörte: Vyjayanthimala Bali, Bollywoods erster weiblicher Megastar. Als Schauspielerin, Tänzerin und Sängerin ausgebildet, war sie es, die in indischen Filmen die Tanzeinlagen, zunächst im Stil des Bharatanatyam, zu einem Obligatorium machte. Sie war eine Schönheit.

Faszinierend, wie sie tanzte, und was. Mit Folklore hatte es nichts gemein. Es vermittelte den Eindruck religiöser Haltungen. Auch für Improvisationen war darin kein Raum. Der Tanz wirkte strukturiert, auch streng, und er war erkennbar Teil eines musikalisch-tänzerischen Gesamtkunstwerks, das alles zu umfassen schien, vom instrumental begleiteten Gesang über den Schmuck und die Maske bis zu den «Kostümen», prachtvollen Saris. Mimisch beredt, gestisch deutlich, ins Detail verliebt, erzählten die Tänze Geschichten aus Indiens Epen, dem Ramayana und Mahabharata. Höhepunkte setzten, zumal für den Laien, die abstrakten, rein tänzerischen, rhythmisch dominierten Elemente, am wirkungsvollsten in der Tillana. Es war blanker Zufall, die persönliche Initiation ins Bharatanatyam nicht im südöstlichen Bundesstaat Tamil Nadu zu erleben, wo er zu Hause ist, sondern im benachbarten Kerala, der Heimat eines anderen Hauptstils der indischen Tanzkunst, des farbigen, von Masken und dem Reichtum vielschichtiger Kostüme bestimmten, ausschließlich Männern vorbehaltenen Kathakali. Keralas Frauen bescheiden sich mit dem blasseren Mohiniyattam.

Im Bharatanatyam dominieren Frauen. Die schöne Vyjayanthimala war 38 Jahre alt, als ich sie erstmals tanzen sah, und sie hatte ihre große filmische Karriere bereits hinter sich. Als Siebenjähriger war ihr 1940 die Ehre zuteil geworden, für Papst Pius XII. im Vatikan zu tanzen, als Dreizehnjährige drehte sie den ersten, 25 Jahre später bereits den letzten von 75 Filmen. Woraus folgt, dass ihr Curriculum die Jahre vor 1970 schon als «later career» bezeichnet. Vyjayanthimala war der Schlüssel zu meinem Tanzerlebnis Indien. Wo immer es fortan möglich war, schaute ich Vorstellungen und Dokumentationen indischer Tänze an, las einschlägige Texte und versuchte, mich in der karnatischen Musik zurechtzufinden. Was rasch an Grenzen kam, weil jedes tiefere Verständnis langjährige Studien und ebenso viel Übung voraussetzt, darüber hinaus auch die Vertrautheit mit südindischen Sprachen, sei es Kannada, Malayalam, Telugu oder Tamil.

Den gesamten Beitrag von Gerhard Brunner, 1976-1990 Ballettdirektor der Wiener Staatsoper, lesen Sie in der Märzausgabe von tanz