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Rap, Hip-Hop, Sexismus

Was geht noch? Was geht gar nicht?

Schön wäre es, wenn Hip-Hop mehr Selbstbewusstsein entwickeln könnte, was seine Komplexität angeht. An Glauben an die eigene Potenz mangelt es nun nicht, aber diese männliche Überbietungsrhetorik deutet gerade oft auf ihr Gegenteil hin, auf Kränkung und auf das nicht ganz abwegige Gefühl mangelnder Akzeptanz. In den letzten 30 Jahren resultierte Kritik an Hip-Hop aber oft nur in blasiertem Beleidigtsein. Ach, das schon wieder mit den Frauen. Die Standardsituation im Battle zwischen Hip-Hop und Mehrheitsgesellschaft blieb erschütternd simpel. In den Reimen ging es zwar um die so genannte Realness – das ist nicht Realismus, sondern beschreibt die Glaubwürdigkeit der Darstellung. Kaum rief jemand in den Medien Sexismus oder Homophobie, flog zuverlässig die Kunstkeule zurück: Huch, das bin doch nicht ich, das ist meine Kunstfigur. Der Hasscode für die Fans, die Kunstkarte für das Feuilleton – fertig war die Laube.

Anton Schneider heißt als respektierter Rapper Fatoni und hat als Schauspieler gearbeitet, etwa in den Münchner Kammerspielen und ein paar Spielzeiten lang im Theater Augsburg. Fatoni sagt in «Könnt Ihr uns hören», einer montierten Rapgeschichte in O-Tönen: «Ein Problem ist, dass sich Rap-Journalisten immer so vor Rap schmeißen, wenn er von außen angegriffen wird. Sexismus zum Beispiel ist im Rap definitiv krasser als in vielen anderen Teilen der Gesellschaft verankert.»

Haftbefehl hat Anfang Juni «Das weiße Album» veröffentlicht, ein in vieler Hinsicht erstaunliches Werk. Es macht sich lustig über Autotune-Rapper, benutzt aber in jedem zweiten Song Autotune (ein digitaler Effekt, der die Tonhöhe begradigt und gerne so lange übersteuert wird, bis Melismen entstehen, arabisierende Schlieren in der Stimme). Die Rothschilds und die Juden kommen nicht mehr vor. Wir hören eine Retrospektive eines 34-jährigen Künstlers, der es geschafft hat und dennoch Trauer, Schmerz und psychische Probleme thematisiert (Mental Health ist eigentlich das Feld von viel jüngeren so genannten Cloud Rappern). Auch musikalisch ist das Album wunderbar schroff und düster. Aber wie die «taz» darauf kommt, dass es Haftbefehl schaffe, auf «sexistische Entgleisungen zu verzichten», bleibt ihr Geheimnis: «Ich hab' eine Türkin, zwei Latinas / Drei Schlampen, drei Vaginas.» Das ist nur eins von vielen Beispielen. Ein Intendant wäre damit seinen Job los. Die soziale Position ist grundverschieden. Aber die Herabwürdigung wäre die gleiche.

Es ist noch immer schwierig, einen Künstler wie Haftbefehl interessant, ja einzigartig zu finden und die problematischen Seiten dabei nicht zu verleugnen. Junge Journalist*innen, zur Mehrheit Frauen mit Einwanderungsgeschichte, schauen mittlerweile klarer drauf. Sie haben Bildung, Hip-Hop-Wissen und eigene Erfahrung mit migrantischen Positionen und mit Rassismus wohl erst recht. Sie gibt es alle noch nicht sehr lange im Kulturjournalismus, auch nicht in der Pop-Berichterstattung, dem Kinderabteil des Feuilletons auf Lebzeiten.

Den gesamten Beitrag von Tobi Müller lesen Sie in der Märzausgabe von Theater heute