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Leiden an der Leitkultur

Ein Gespräch mit dem Schauspieler und Autor Peter Radtke, das vor seinem Tod im November 2020 zustande kam

Sie sind 77 Jahre und überblicken natürlich eine riesige Zeit, was ja auch den Umgang mit Behinderten angeht. Es hat sich vieles für behinderte Menschen zum Guten hin verändert. Aber wir sind zurzeit an einem Punkt angelangt, an dem man im Grunde genommen denkt, es sei doch alles wunderbar. Sind wir nicht in Zeiten angekommen, in denen man über alles reden kann, aber in denen sich dieses Ressentiment andere Wege sucht?
Ich habe den Eindruck, dass das immer schon so war, dass Journalisten oder wer auch immer gerne wollen, dass man sagt: «Ach, schau dir doch an, was für eine positive Fortentwicklung sich ergeben hat.» Diese positive Entwicklung will ich gar nicht absprechen, die gibt es sicher. Aber ich sehe eigentlich den Wunsch nach einer ungebro chenen, kontinuierlichen Entwicklung, die ja dahintersteht, und dieser Wunsch erfüllt sich meines Erachtens nicht. Wir stellen eher Wellen bewegungen fest. Das möchte man nicht gerne, man möchte ja zeigen, dass es besser geworden ist. Wir hatten Zeiten, da stand Behinderung durchaus positiver da als heute. Und wenn ich gerade die Entwicklung der letzten Monate sehe, muss ich gestehen, dass ich Angst bekomme.

Denken Sie an Jens Spahns Reformpläne für Beatmungspatienten?
Spahn ist das eine. Ich will das jetzt nicht kleinreden, aber das ist ein Detail aus einer Atmosphäre, die sich verändert hat. Spahn hätte das vor ein paar Jahren nicht gesagt, weil es nicht opportun gewesen wäre. Heute kann er es sagen, weil man heute auch wieder mit den Kosten argumentieren kann. Die Entwicklung, die insbesondere durch die AfD angestoßen wird, nämlich: Inklusion ist Mist, wir wollen keine Inklusion usw. Oder wenn Inklusion nur auf das Schulsystem bezogen wird, wird nicht die volle Tragweite gesehen. Denn es geht um Gruppierungen in der Gesellschaft, die, aus welchem Grund auch immer, nicht zu dieser Gesellschaft gehören sollen, ob das Muslime, Juden oder behinderte Menschen sind. Wir wollen wieder eine «reine Gesellschaft», was immer das ist. Ich kann dazu jetzt auch Leitkultur sagen. Das ist eine Entwicklung, die mir Angst macht. Eine Entwicklung, wo ich sage: Kinder, wenn ich auswandern wollte, wohin soll ich denn auswandern? In den anderen Ländern sieht es auch nicht viel besser aus! Darum bin ich ein bisschen skeptisch, ohne dass ich jetzt den Fortschritt verneinen will. Verstehen Sie das nicht falsch, ich bin eigentlich Optimist. Aber was die gesellschaftlichen Zustände anbelangt zu sagen, «das alles kommt nie wieder», das traue ich mich heute nicht mehr.

Das gesamte Gespräch mit Peter Radtke von Martin W. Ramb lesen Sie in der Märzausgabe von Theater heute