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Erotik der Herzen

Wider die Lust an der Fleischbeschau

Der Anblick der Frau ist doppelt kodiert – als Objekt des Begehrens und Objekt der Furcht. Ich habe in den letzten Tagen, während ich an diesem Text schrieb, mal bei YouTube nachgeschaut, was es zu diesem «Thema» alles gibt. Und ich bin nach wie vor sprachlos, mit welcher Schamlosigkeit sich Frauen wie die georgische Pianistin Khatia Buniatishvili oder ihre (bei Weitem nicht so begabte, aber umso freizügiger gekleidete) usbekische Kollegin Lola Astanova dort in Szene setzen und damit genau den Effekt erzielen, den jede halbwegs vernünftige Feministin verpönen würde – was aber nichts daran ändert, dass beispielsweise Astanovas Adaption der «Mondschein-Sonate» für Violoncello und Klavier («LoLa & Hauser») bislang unfassbare 42 Millionen Klicks hatte! Was da geschieht, ist so simpel und so bescheuert, dass man es kaum glauben kann.

Diese Frauen bieten sich männlichen Blicken dar und scheinen sich daran auch noch zu delektieren, weil diese Blicke Aufmerksamkeit und, was viel wichtiger ist, hohe Verkaufszahlen generieren. Dennoch trifft Lola und ihre Schwestern keine Schuld, da bin ich ganz auf der Seite der englischen Feministin Laurie Penny. Es ist der Spätkapitalismus, der ihre Körper buchstäblich brandmarkt. «Er senkt sein Zeichen schmerzhaft in unser Fleisch», schreibt Penny in ihrem Pamphlet «Meat market», «verödet die Wurzeln des Wachstums und sorgt dafür, dass die verschiedenen Meinungen nicht in einen fruchtbaren Dialog treten können. Weiblichkeit an sich ist zur Marke geworden, ein eng gefasstes und reduzierendes Rezept verdinglichter Identität, die zurückverkauft werden kann an Frauen, die von ihrer eigenen Stärke als lebende, liebende und schöpferisch tätige Wesen abgeschnitten sind.»

Und doch schäme ich mich in Grund und Boden, wenn ich das sehe, weil das Klischee der Frau als erotisches Subjekt hier in einer Art und Weise bedient wird, die allem Hohn spricht, was der feministische Diskurs seit Simone de Beauvoirs Klassiker «Das andere Geschlecht», seit den Schriften von Hélène Cixous, Judith Butler, Andrea Dworkin und Naomi Wolf und in jüngster Zeit den Pamphleten einer Virginie Despentes («King Kong Theorie») oder Laurie Penny in Gang gesetzt hat. Und anscheinend gibt es kein Gegengift, das wirken würde, zu dominant ist die Erotik der Körper, der ich so gerne die Erotik der Herzen und der Religion entgegenhalten würde. Und die millionenfachen Klicks, die, anders als in meinem Fall, nicht aus Recherchegründen erfolgten, sondern aus der reinen Lust an der Fleischbeschauung, bestätigen schlimmste Befürchtungen.

Den gesamten Beitrag von Olga Myschkina lesen Sie in der Märzausgabe von Opernwelt