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Vom Luxus des Spielens und Wählens...

Ein Gespräch mit der Sängerins Stéphanie d'Oustrac

Sie haben die Rolle der Carmen in fünf sehr divergenten Regiearbeiten verkörpert. Wie gehen Sie mit den Unterschieden um?
Ich bin eine Interpretin. Ich benötige keine festgefügte Meinung über diese Frau. Ich kann jede Carmen sein. Ich kann und ich will all diese Typen sein; das ist der wesentliche Grund, warum ich Künstlerin geworden bin: die Möglichkeit, sich auf der Bühne zu verwandeln, immer jemand anderer zu sein. Ich will mehrere Leben leben, und das Theater gibt mir die Gelegenheit, genau das zu tun. Ich will sein wie ein Kind, spielen wie ein Kind, alles Mögliche ausprobieren. Manchmal habe ich ein todschickes Kleid an, manchmal trage ich ein Kostüm, das gar nicht schön ist. Und genau das liebe ich: diesen Wechsel der Identität, der sich schon darin abbildet. 

Haben Sie schon einmal ein attraktives Rollenangebot ausgeschlagen? 
Vor nicht allzu langer Zeit habe ich in der Tat einmal «Nein» gesagt. Ich traf den Regisseur im Vorfeld, und ich wusste nach wenigen Minuten unseres Gesprächs, dass er mir nicht sympathisch ist. Deswegen habe ich das Angebot nicht angenommen. Ich muss die Menschen, mit denen ich zusammenarbeite, mögen. Ich kannte Arbeiten von ihm, die sehr interessant waren. Aber das genügt mir nicht. Man ist zwei Monate sehr eng zusammen, da muss vieles stimmen. Dmitri Tcherniakov zum Beispiel ist wirklich ein verrückter Typ: obsessiv, ungeduldig, leidenschaftlich, temperamentvoll. Das Wichtigste aber: Er ist ein sehr netter Mann! 

Abseits von ihm: Geht es im Verhältnis zwischen Sängern und Regisseuren vor allem um Hierarchie?
Es ist viel schlimmer. Manche Regisseure lieben das Leiden so sehr, dass sie, wenn sie sehen, wie gut es dir geht, dich nach unten ziehen. Sie versuchen, eine Schwäche zu finden – und ich habe wirklich absolut kein Problem mit meinen Schwächen –, doch sie für sich auszunutzen, ist wirklich pervers. Aber so sind menschliche Beziehungen zuweilen. Als ich mich mit jenem Regisseur traf, dessen Angebot ich schließlich ablehnte, spürte ich so etwas, und ich sagte höflich «Auf Wiedersehen. Daraus wird nichts.» Vielleicht können wir eines Tages zueinander finden. Im Moment aber nicht. Das Glück will es, dass es genügend tolle Regisseure und Dirigenten gibt, mit denen ich arbeiten kann. Ein echter Luxus.

Das gesamte Gespräch mit Stéphanie d'Oustrac
finden Sie in Opernwelt 3/30