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Theaterfotografie #3

Auf den Punkt

Wilfried Hösls Bilder sprechen für sich selbst

Von Florian Zinnecker

Seinen Weg ans Theater beschreibt Wilfried Hösl als eine Mischung aus Zufall und Bestimmung: «Zufall war: Ich habe in Köln studiert und wollte von dort weg, zurück nach Bayern. München war immer meine Traumstadt. »In einem Fotolabor fand er einen Aushang: Theaterfotografin sucht Assistenten. «Ich war zwar nicht brennend interessiert, hab mir aber gesagt: Wenn ich mir die Telefonnummer merke, rufe ich da an. Ich hab sie mir gemerkt – und den Job bekommen.» Der Arbeitsplatz: das Münchner Residenztheater, Mitte der 80er-Jahre. Kurze Zeit später rückte Hösl auf die frei gewordene Stelle des Hausfotografen auf; rund ein Jahrzehnt später lässt er sich von Peter Jonas abwerben: ins Nachbarhaus, die Bayerische Staatsoper. Deren Hausfotograf ist er jetzt seit mehr als zwei Jahrzehnten – und damit eine prägende Figur, vielleicht die prägendste, für die Art, wie sich das wichtigste Opernhaus Bayerns in der Öffentlichkeit darstellt – und wie es wahrgenommen wird. «Als Theaterfotograf», sagt Hösl, «wird dir die Ästhetik ja vorgegeben, du musst damit umgehen.» 

Hösl selbst gibt sich bescheiden, fast scheu, seine Bilder sind ihm Bühne genug. Sein Platz: im Parkett oder im Rang, jedenfalls hinter der Kamera. Er lässt sich nicht gern über die Schulter schauen, mag seine Arbeit nicht erklären, sie soll selbst sprechen, und was sie nicht sagt, erscheint ihm nicht interessant. 

Auf die Frage nach seinem Lieblingsfoto nennt Hösl zunächst wie aus der Pistole geschossen: eine Szene aus Händels «Giulio Cesare in Egitto» aus dem Jahr 1994, inszeniert von Richard Jones. Die Bühne beherrscht von überdimensionalen Haien, die Spannung zwischen den Sängern ist auch 22 Jahre nach dem Drücken des Auslösers spürbar. Allein, das Bild ist im Original nicht aufzutreiben, nur in schwarzweiß, in technisch zu schlechter Qualität, um heute in einem Magazin neben farbsatten Digitalbildern strahlen zu können. Also ein anderes Motiv: «Wozzeck», 2008 inszeniert von Andreas Kriegenburg, mit Michael Volle in der Titelrolle. Auf dem Bild: reine, unbändige Kraft. Es bringt Inszenierung und Musik virtuos und dennoch beiläufig auf den Punkt. Warum dieses Bild? «Weil es noch nicht gedruckt worden ist.», sagt Hösl. «Die wichtigen Leute wissen immer genau, wie ein Bild auszusehen hat.» Wie der Satz zu verstehen ist, ob als ironisch-gekränkte Reaktion auf die Ablehnung in den Redaktionen, als Kompliment an die wahren, hellsichtigen Kenner seiner Kunst oder absichtlich doppelsinnig-unbestimmbar, lässt er offen. 

Mit der Oper selbst hatte es Hösl vor seinem Wechsel an das Haus am Münchner Max-Joseph-Platz nicht leicht. Klassische Musik spielte zuvor durchaus eine Rolle für ihn, sagt er in einem Interview, das zu seinem Wechsel im Opernwelt-Jahrbuch «Oper 1995» erschien. «Vor allem Kammermusik und Klaviermusik. Oper nicht so sehr. Die Aufführungen, die ich früher gesehen habe, hatten meine Vorurteile eher bestätigt. Da gab es zu viel Pappmaché, zu vieles, was ästhetisch längst überholt war.» Zu den größten Herausforderungen an der Bayerischen Staatsoper zählt die Bewältigung der schieren Dimensionen. «Mit dieser großen Bühne muss man erst mal umgehen lernen» – das betreffe den Fotografen genauso wie den Bühnenbildner, den Regisseur und die Sänger. «Bei großformatigen Gemälden stellt man immer wieder fest: Je größer die Fläche, desto größer der Anspruch an den Künstler.» Auch und besonders an diejenigen hinter der Kamera.