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«Licht»

Die blinde Pianistin Maria Theresia Paradis im Film

Von Klemens Hippel

Am Ende scheint sie glücklich. Lachend, mit einem Strahlen im Gesicht sitzt die blinde Pianistin Maria Theresia Paradis (eindringlich: Maria Dragus) am Klavier – ehe der Abspann kurz ihre bedeutende Karriere skizziert. Erwartet hätte man das nicht. Erzählt «Licht» (Regie: Barbara Albert) doch eigentlich eine furchtbare Missbrauchsgeschichte.

Ein «Wunderkind» ist das Opfer geld- und karrieregeiler Eltern (mit einem wundervoll ekelhaften Lukas Miko als Vater). Und der (wenig charismatische) Erlöser in Gestalt von Franz Anton Mesmer (sehr sympathisch: Devid Striesow) kann sie nicht retten. Dass das Ganze in einem epilog-artigen Schluss dann doch die Hoffnung auf ein gelungenes Leben lässt, ist eher der Historie als der Erzählung geschuldet: Die «Paradis», deren Name durch ein für sie geschriebenes Klavierkonzert Mozarts im kulturellen Bewusstsein geblieben ist, wurde eben eine erfolgreiche, hochangesehene Musikerin. Und wenn man einen Film «nach einer wahren Geschichte» erzählt, muss man halt Kompromisse machen.

Begegnet waren wir dem im Alter von drei Jahren plötzlich erblindeten Mädchen ebenfalls am Klavier: Visuell ein abwesend zappelnder Hanswurst, akustisch ein großes Talent, wird sie der Wiener Salon-Welt wie ein seltsames Tier präsentiert. Eine Gesellschaft, deren Enge und Falschheit in seltener Klarheit skizziert wird. Prachtvolle Räume und Kostüme, die exzellent ausgesuchte Musik und (gut gemachte) historische Tänze zeigen hier keine heile Welt, sondern ein Leben ohne Bewegungsspielraum. Ganz dicht rückt die Kamera vor allem der Paradis auf die Pelle. Auch, als sie ins «Sanatorium» Franz Anton Mesmers gebracht wird, wo sie durch dessen magnetisch-hypnotische Kraft wieder anfängt, sehen zu lernen und sich auch menschlich stark entwickelt. Doch trotz gegenseitiger Sympathie bleibt sie ein Opfer: Ihre Erfolge sind der ideale Anlass, wieder die Gesellschaft zu laden, die das Wunder erneut bestaunen sollen, diesmal, damit Mesmer in die akademische Welt aufsteigen kann. 

Aber mit einer «normalen» Frau (deren Klavierspiel leider stark nachlässt) kann weder sie selbst noch die Gesellschaft, können vor allem aber die Eltern nichts anfangen. Gegen ihren Widerstand, den die Mutter (Katja Kolm) auch mit körperlicher Gewalt unterdrückt, muss sie, wieder blind, zurück ins Leben eines Freaks.

Faszinierend ist die Darstellung der Kälte, die hier beinahe alle sozialen Beziehungen befallen hat. Nur das Dienstpersonal darf im Falle eines Kindstodes einmal echte Gefühle zeigen. Alle anderen sind so unecht und stilisiert wie der Wettkampf der Verbeugungs-Tiefe zwischen Mesmer und Herrn von Paradis. Schade nur, dass die Beziehung der Paradis zur Musik dabei irgendwie stört. Am Anfang spielt sie nur als virtuose Maschine. Aber später mit emotionaler Beteiligung (vor allem in einem Duett mit Mesmer). Wie das kommt und was ihr selbst die Musik bedeutet, erfahren wir nicht. Wahrscheinlich, weil das eben nicht zur Geschichte einer missbrauchten jungen Frau passt, die man erzählen wollte. Zur historischen Paradis hätte es umso besser gepasst. Denn die wurde von klein auf von den Top-Musikern Wiens unterrichtet.