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Rezensionen 25. Januar

Nürnberg: Montero «A Midsummernights Dream»

Am 28., 31. Januar im Opernhaus

Sein Blick geistert am Rande des Irrsinns, flackert auf und erlischt mit dem Ein und Aus eines Atemzugs. Sechs Hände greifen nach dem Kind, das sich in seine Halsbeuge schmiegt, Stimmen flüstern, locken … «gar schöne Spiele spiel’ ich mit dir». Kein Erbarmen, kein Entrinnen. Der Vater verliert den Sohn an die Dämonen, die im nachtschwarzen Wald ihr Unwesen treiben: Elementargeister, wie sie das Ballett seit dem 19. Jahrhundert bevölkern, zumeist als weibliche Agenten der Zerstörung. Es ist Nürnbergs Ballettchef Goyo Montero, der Goethes «Erlkönig» in diese Genealogie einreiht – faszinierender Auftakt einer Neuproduktion, die eigentlich einen ganz anderen Klassiker umkreist: William Shakespeares Komödie «A Midsummer Night’s Dream». Doch im Nürnberger Opernhaus geht’s weder heiter noch sardonisch oder gar erotisch zu. Monteros Lesart ist finster, skeptisch, melancholisch bis zuletzt. Ist von Morbidezza beherrscht und jenseits des Lustprinzips verankert. Weshalb auf das Rätsel des «Erlkönig»-Anfangs gleich die nächste enigmatische Szene folgt. Shakespeares Hochzeitsgesellschaft stampft, dampft und krampft in Jordi Roigs dunkelgrauen Renaissance-Monturen vor sich hin, bigotte Society statt Amüsierclub. Und dabei bleibt es weitere eineinhalb Stunden lang.

Wer eigene «Sommernachtstraum»-Fantasien begräbt und Shakespeare hintanstellt, der wird Monteros Version als bildgewaltiges Opus schätzen, mit Verve getanzt von einem Ensemble, das in allen Farben des Menschseins schillert. Die Vielfalt, die der Spanier in den zehn Jahren seiner Amtszeit heran- und herausgebildet hat, macht staunen. Zumal er sie optisch eindrucksvoll zu inszenieren weiß. So wenn er Oberon und Titania an Flugseilen aus dem Bühnenhimmel schweben lässt, um ihren irdischen Konflikt als kernigen Zweikampf zu choreografieren. So wenn er die Pyramus-und-Thisbe-Episode als Puppenspiel anlegt und die Strippen einem Marionettenmeister anvertraut, der sich in Owen Beltons mal raunender, mal kreischender Partitur verheddert. So wenn er zuletzt Pucks Geheimnis lüftet – ein Faun im Spitzen-Leotard, der einst den «Erlkönig»-Mächten des Waldes erlag und plötzlich einem Waldschrat gegenübersteht: dem Vater, der nie aufgehört hat, nach ihm zu suchen. Jetzt kann er ihn nur mit Blicken umarmen. Daniel Roces tanzt die Rolle im Wechsel mit Alexsandro Akapohi -(siehe S.) und gibt diesen Puck als urgewaltiges Kind, halb Seelchen, halb Teufel, halb Mensch, halb Tier. Eindringlicher lässt sich diese janusgesichtige Kreatur kaum porträtieren.

Und dennoch bleibt ein kleines Fragezeichen hinter Monteros «Sommernachtstraum», wie bei vielen seiner Kollegen. Warum greifen Tanzmacher so gern zu dieser verzwickten Vorlage? Fast immer gebrauchen sie den Text als schöpferisches Sprungbrett, werfen die Inhalte aber über Bord. In Nürnberg sieht’s ähnlich aus, dafür gelingt dort: ein fulminanter Sprung.

Dorion Weickmann

www.staatstheater-nuernberg.de/spielplan-18-19/a-midsummernight-s-dream-ua/15-12-2018/1930