Inhalt

Theaterfotografie #2

Durchblick

Monika Rittershaus: Verantwortlich für den besten Schuss

Von Florian Zinnecker

Handwerk ist das eine. Aber ein wirklich gutes Theaterfoto zeichnet etwas anderes aus. «Es muss den Atem, die Seele einer Produktion einfangen», sagt Monika Rittershaus. «Und zwar so, dass noch ein Geheimnis bleibt.» Das gelinge nicht immer, auch bei den eigenen Bildern nicht. «Es klingt vielleicht etwas hochgegriffen, aber das Tollste ist, wenn ich es schaffe, das zu zeigen, was für mich gemeint ist – ein Bild, das nicht einfach dokumentiert, sondern etwas öffnet für den Betrachter.»

Monika Rittershaus ist freischaffende Opern- und Theaterfotografin, sie lebt in Berlin und gehört zu den erfolgreichsten, gefragtesten Vertreterinnen der Zunft. Auf die Frage nach einem Lieblingsmotiv aus dem eigenen Portfolio fällt ihr eines aus dem jüngsten Schaffen ein: eine Szene aus Verdis «Macbeth» am Zürcher Opernhaus Anfang April 2016, inszeniert von Barrie Kosky, ausgestattet von Klaus Grünberg (Bühne/Licht) und Klaus Bruns (Kostüme). «Eine der besten Produktionen überhaupt für mich», schwärmt Rittershaus. «Fast alles ist auf die beiden Hauptdarsteller konzentriert, auf Licht und Dunkelheit. Es gibt da eine abgründige Kraft, die aus der inneren Schwäche dieser Menschen kommt. Ich habe versucht, eben diese Kraft in ein Bild zu übersetzen.»

Der Aufwand dafür ist hoch. «Ich bin altmodisch», gesteht Rittershaus, «ich schaue mir schon vorab Proben an, sichte viel Material, vertiefe mich in Stoff und Figuren.» Natürlich gehe es nicht nur darum, die eigenen Ansprüche zu erfüllen. «Ich habe eine Verantwortung. Wenn ich eine Produktion fotografiere, erwartet das Theater von mir bestimmte Dinge: die Hauptdarsteller, den Raum ins rechte Licht zu rücken. Bilder zu liefern, die man in der Zeitung drucken kann, die auf Anhieb auch flüchtige Betrachter erreichen.» Unter diesen Voraussetzungen den eigenen Maßstäben treu zu bleiben, sei nicht immer leicht. «Das hängt auch davon ab, wie weit eine Produktion zum Zeitpunkt der Fotoprobe gediehen ist, wie stark ich Schadensbegrenzung betreiben muss» – halbfertige Bühnenbilder kaschieren, Perückenansätze unsichtbar machen, Aufnahmen mit offenen Mündern aussortieren oder mit Blicken, die haarscharf am Bühnenpartner vorbei zum Dirigentenmonitor zielen.

Die im Programmheft abgedruckten Bilder sind das, was bleibt, wenn eine Produktion abgespielt ist. Zumal den Sängerinnen und Sängern fühlt sich Monika Rittershaus verpflichtet. Sie weiß, dass es oft auch ihre Bilder sind, die das Selbstbild der Künstler (mit)prägen. «Natürlich kann ich nachträglich nicht aus einer roten eine schwarze Perücke machen. Aber wenn zum Beispiel eine Korsage nicht richtig sitzt oder wenn ein Arm unvorteilhaft getroffen ist, dann greife ich ein. Das sind nur Kleinigkeiten, aber sie machen den Unterschied.»

Dass Monika Rittershaus Theaterfotografin wurde, verdankt sich einer Kette unvorhergesehener Ereignisse. Angetrieben vom Wunsch, Dramaturgin zu werden, nahm sie ein Studium der Germanistik, Philosophie und Kunstgeschichte auf. Dann starb unerwartet ihr Vater, ein Fotograf. Sie erbte seine Kameraausrüstung, auf einer Reise entdeckte eine Fotografin ihr Talent und ermutigte sie, darauf zu setzen. Sie ging an die Fachhochschule Dortmund, durfte schon bald – mit dem Segen Pina Bauschs – während der (End-)Proben des Wuppertaler Tanztheaters fotografieren. Gisela Scheidler, ihre Dortmunder Lehrerin, nahm sie als Assistentin mit ans Wiener Burgtheater zu einem «Kaufmann von Venedig», Regie: Peter Zadek. «Ich habe gleich ganz oben angefangen», sagt Monika Rittershaus und schmunzelt. Am Burgtheater lernt sie ihren langjährigen Förderer Achim Freyer kennen, in Bregenz schließlich Harry Kupfer, der sie für seinen Wagner-Zyklus an die Berliner Staatsoper holte. «Das war die Chance meines Lebens», erinnert sie sich. «Er sagte damals nur: Die Kleene is jut. Das werde ich nie vergessen.»

Die Abbildung im Hintergrund (Markus Brück als «Macbeth» in Zürich) und viele weitere Fotografien finden Sie auf der umfangreichen Website von Monika Rittershaus: www.monikarittershaus.de