Transformationen ins Offene

Neue Stücke in Braunschweig, München und Bonn: Caren Jeß überschreibt Wagners «Walküre», Yasmina Reza erklärt «James Brown trug Lockenwickler», und Fritz Kater verschränkt Geschichte und Geschichten

Theater heute - Logo

Grundsätzlich hat Caren Jeß nichts gegen Richard Wagner und seinen «Ring des Nibelungen», im Gegenteil: «Sex, Blut und Gewalt, Boys, da bin ich dabei!» Außerdem darf frau heute nicht mehr so zimperlich sein und das Nationalmythen-Ausdeuten männlichen Bayreuther Regietitanen oder Gegenwartsdramatiker-Kollegen wie Necati Öziri, Thomas Köck oder Ferdinand Schmalz überlassen.

Schließlich birgt die germanengründelnde Tetralogie jede Menge Stoff zu fast allem: mythische Welterklärung, Naturmystik, Kapitalimusgeschichte, Industriepolitik, Machtkritik, Führungsmanagement, Organisationsmachiavellismus, intrigante Betriebskommunikation, Familienpsychologie, Geopolitik, Disability, nicht zu vergessen Rassismus und Diskriminierung. Ein Interpretations-Wunderhorn! Dazu Stabreime bis zum Abwinken und avantgardistisches Wortgeklingel, das den Dadaismus ein halbes Jahrhundert vor seiner Erfindung alt aussehen lässt. Hojotoho. 

Caren Jeß bleibt dennoch bescheiden und beschränkt sich auf Teil zwei von vier, «Die Wal -küren», hier im Plural. Die hochgradig verflochtenen Hauptplotlinien um Inzest, Blutsbande und Gewalt als Lösung für fast alles bleiben weitgehend intakt, die Unterschiede liegen im ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute Mai 2023
Rubrik: Aufführungen, Seite 14
von Franz Wille

Weitere Beiträge
Doppelte Aufarbeitung

Manchmal schlägt die Aktualität mit Verzögerung zu. Eine Woche nachdem Hans-Werner Kroesinger und Regine Dura ihr Dokumentarstück «Letzte Station Torgau. Eine kalte Umarmung» im Schauspiel Leipzig zum DDR-Jugendwerkhof Torgau präsentierten, veröffentlichte die Universität Leipzig die groß angelegte «Testimony»-Studie zu den Jugendwerkhöfen und Kinderheimen der DDR....

Das Theater der Leinwand

Alexander Camaro war vieles in seinem Leben: ein Liebhaber des Varieté, Bühnentänzer und Maler. Als letzterer wurde er bekannt, übernahm Anfang der 1950er Jahre eine Professur an der Hochschule der Bildenden Künste in Berlin und war mit seinen Werken auf den ersten beiden documenta-Ausstellungen vertreten. Schaut man jedoch in sein Werk, wie die Ausstellung «Die...

Geschichte der Frontgefühle

Panzerfahrer, Flakartillerist, Kampfpilot, Scharfschütze. Kriegsberufe, kennen wir. Aber Scharfschützin? Gibt’s doch gar nicht?

Maria Iwanowna Morosowa steht stocksteif vor dem Fadenvorhang im Freiburger Kleinen Haus. Berichtet von ihrem ersten Deutschen. Erst hat sie mit ihrer «Jagd»-Partnerin gestritten, wer abdrücken soll. «Ich beobachte. Schieß du!» Die...