Alles nicht so gemeint
Erstaunliches ist der Volksbühne gelungen. Na ja, gelungen. In einem kollaborativen Kraftakt schafften es verdiente Kräfte des Hauses samt Überraschungsgästen, dem schon seit geraumer Zeit langsam, aber sicher ins Nervtötende lappenden künstlerischen Programm des Infantilisten Jonathan Meese ein nicht unerstaunliches Quantum neues Leben einzuhauchen.
In gut zwei Stunden machen sie aus einem ungebremst assoziativen Gequirl von Text, einst zur Jugendzimmerzeit aufgeschrieben von Meeses Mutter, eine überwiegend unterhaltsame, übersichtlich in Solo- und Ensemble-Passagen organisierte Großquatsch-Revue, die nicht nur, aber entscheidend davon lebt, dass der Nudelsalat von einer Vorlage gegen eigentlich keinen darstellerischen Einfall Widerstand leistet – wahrscheinlich wäre es genauso amüsant, ihn im Stile von Peter Stein zu inszenieren.
Vor knapp 30 Jahren begann Jonathan Meese wie viele andere bildende Künstler mit einem Hang zum Performativen damit, die Lieblingssujets und Idole von Kindheit und Jugend von der Posterwand des Kinderzimmers zu rupfen und zu Material von Gegenwartskunst zu erklären. Solche emotionalen Readymades waren damals von Florian Illies bis zu Michel Majerus eine ...
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Theater heute 4 2023
Rubrik: Aufführungen, Seite 10
von Diedrich Diederichsen
«Hier hat sich Schuld in Schuld verbissen.» Hunnenkönig Etzel (Nahuel Häfliger) ist in seinem schicken Anzug gegen Ende schon beinahe nachsichtig mit seinen barbarischen Neu-Familienmitgliedern, die doch gerade erst seinen Sohn erdolcht haben. Dass Häfliger zugleich den Siegfried in diesen «Nibelungen» spielt, gibt dem Ganzen nur noch mehr Größe. Denn diese liegt...
Das sieht alles sehr grau aus: Die Gegenstände, die akkurat geordnet an der Wand kleben – alle grau übermalt. Die Lampen, die Teddies, die Tassen, die Teller, die Telefone. Auch die drei Frauen: graue Haare, graue Kleider. Eine (Elmira Bahrami) leiert zunächst ihre Sätze, das betont das graue Einerlei noch. Eine andere (besonders überzeugend: Vera Flück) begleitet...
Istanbul in den 1990ern. Ein Mann steht in seiner neuen Wohnung und stellt sich vor, wie sehr sich seine Frau und die vier Kinder freuen werden, wenn sie sie zum ersten Mal zu sehen bekommen. Er hat jahrzehntelang als Arbeitsmigrant in Deutschland geschuftet, um sich die Eigentumswohnung leisten zu können. Doch bevor er sie vorzeigen kann, stirbt er an einem...
