Keine Bühne für Täter
Er ist quasi der Täter der Herzen in der an Femiziden nicht armen Dramengeschichte: Georg Büchners Woyzeck. Wir lernen ihn als Opfer der (Klassen-)Gesellschaft kennen und, wenn auch widerwillig, verstehen. Er ist und bleibt in den meisten Inszenierungen die Identifikationsfigur. Seine Verlobte Marie, die er ermordet, bekommt gerade mal etwas Mitleid. Woyzeck – und diverse andere Täter – gelten gemeinhin als die künstlerisch interessanteren Charaktere. Dass das so ist, darf durchaus als Symptom einer patriarchalen Gesellschaft gelesen werden.
Dem setzt das Theaterkollektiv Glossy Pain am Theater an der Ruhr eine jugendliche, energiegeladene «Woyzeck»-Überschreibung entgegen. Sie holt den Plot ins Heute, die Frauenfi -guren aus dem Schatten und die Männer vom Treppchen. Ort der Handlung ist die bilinguale WG von Marie und Margret, konkret ein IKEA-naturalistischer Guckkasten von Bühnenbild -nerin Wicke Naujoks. Das entspannt liebevolle Zusammenleben der beiden Frauen beschreibt Regisseurin Katharina Stoll im Podcast zur Inszenierung als Rekurs auf das Konzept der «Radikalen Zärtlichkeit» von Seyda Kurt: füreinander zu sorgen außerhalb der Partnerschaft, «in der man häufig diese eine ...
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Theater heute 4 2023
Rubrik: Chronik, Seite 59
von Cornelia Fiedler
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