Die Erfindung des Stahlseils

Kevin Rittberger «Wir sind nach dem Sturm» (U) im Schauspiel Hannover

Theater heute - Logo

 

Die interessanteste Figur in diesem Stück heißt «Ich» (Alrun Hofert) und ist schwer greifbar. Es handelt sich um ein Atom oder Molekül, irgendein winziges Stück Materie, das immer schon da war und im Lauf der Jahrtausende so einiges mitgemacht hat. So eine Kontinentalverschiebung etwa ist ja keine Kleinigkeit. In jüngster Vergangenheit hielt es sich im Körper eines Kindes auf und geriet mit diesem auf eine heiße Herdplatte: «Ich weiß nicht, was ich genau an diesem Tag in ausgerechnet einer dieser Fingerspitzen machte.

Jedenfalls blieb ich an der Platte kleben, wurde weggewischt und landete mit dem bald grässlich stinkenden Lappen, der kein Wort sagte, auf der Deponie.» 

Man kann dieses «Ich» als Mikro-Platzhalter für die gesamte Erdgeschichte oder das Leben selbst interpretieren – beziehungsweise für das, was «nach dem Sturm» noch übrig sein wird von der Welt. Weiter treten auf: ein alter und ein junger Aktivist (Lukas Holzhausen und Nicolas Matthews), die ein Denkmal für den Afrikaforscher Hermann von Wissmann stürzen wollen; der hannoversche Ingenieur Wilhelm August Julius Albert (Matthews), der im 19. Jahrhundert das Stahlseil erfunden hat; eine junge Psychothera-

peutin ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute 1 2023
Rubrik: Chronik, Seite 58
von Wolfgang Kralicek

Weitere Beiträge
Der suggestive Mittelpunkt

Der Titel «Das Regiebuch. Zur Lesbarkeit theatraler Produktionsprozesse in Geschichte und Gegenwart» verspricht eine eher abschreckend verschraubte theaterwissenschaftliche Abhandlung, erweist sich aber als ein anregendes, gut lesbares Standardwerk über Regiebücher vom Mittelalter bis in unsere unmittelbare Gegenwart. Die Beiträge des von Martin Schneider...

Amsel und Schnecke

Vielleicht wäre der Sache gedient, wenn die Menschen ganz einfach Bäume würden? In diese Richtung jedenfalls geht der Wunsch von Pinoc -chio, wenn die blaue Fee ihm einen freihält, und auch Meister Gepetto scheint sich ganz wohl -zufühlen als Pinie, in die er sich nach seinem menschlichen Ableben (in Abweichung zum Vorbild von Carlo Collodi) verwandelt hat. «Sieht...

Was Sie noch immer über Sex wissen wollen

Darf man mit jemandem Sex haben, auf dessen Nachtkästchen ein Exemplar von «Mein Kampf» liegt? Und ist es umgekehrt okay, nicht mit einem Typen zu schlafen, obwohl der so freundlich war, einem die halbe Wohnung auszumalen? Mit solchen Fragen beschäftigt sich die amerikanische Autorin Patty Kim Hamilton in «Sex Play», ihrem ersten im deutschsprachigen Raum...