Das Private und das Politische

Christian Krachts «Eurotrash» beschwört die Verbrechen des letzten Jahrhunderts. Zwei Inszenierungsversuche von Jan Bosse und Stefan Pucher in Berlin und Hamburg

Nostalgie hat Konjunktur, gerade in rechten Kreisen. Die Sehnsucht nach der vermeintlich guten alten Zeit, als die Verhältnisse noch übersichtlicher, die Familien intakt, die Ordnung stabil, die Identitätspolitik noch unbekannt, Gendern kein Thema und die Kommata noch da gesetzt wurden, wo sie vor 100 Jahren gesetzt wurden, zieht sich durch alle Schichten und Milieus.

Die komplexen gesellschaftspolitischen und sozialen Entwicklungen spätestens seit Wiedervereinigung, Globalisierung, Finanzkrise, sogenannter Flüchtlingskrise überfordern viele in ihren Werten und Identitäten – ob materiell, sozial oder intellektuell. 

Vor diesem Zeithintergrund hat Christian Kracht seinen neuesten Roman geschrieben, der Abwertung schon im Titel trägt – «Eurotrash». Der Müll des Kontinents konzentriert sich in diesem Fall aber doch stark auf die Schweiz, auch wenn dabei viel braune Soße aus Deutschland hinübergekippt ist. Sein Ich-Erzähler Christian hat einiges an Nachkriegs-Zivilisationsschutt abbekommen. Luxuriös aufgewachsen im mondänen Karriereaufwind der Eltern, die ihre Nazi-Familiengeschichte bruchlos und hocherfolgreich in der alten Bundesrepublik fortsetzen konnten und dafür den Preis ...

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Theater heute Januar 2022
Rubrik: Aufführungen, Seite 6
von Franz Wille

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