Fortschritt und Tragödie

«Ödipus», das Stück der Stunde? Berliner Versuche von Ulrich Rasche und Maja Zade/Thomas Ostermeier im Deutschen Theater und in der Schaubühne

Schwarze, geschlechtsneutrale Gewänder in nebeldüsterem, schwarzem Bühnenraum; nur ein dünner blauer Neonkreis – ein schmaler Sonnenrest? – hängt über der Bühne. Tastende Schritte einer eng zusammengedrängten Menschengruppe, die langsam, mit großen Pausen einzelne Wörter hervorstößt, von Mikroports hallig verstärkt. Irgendwann schleicht sich ein tiefes Brummen in die Tonspur (Kompositon Nico van Wersch), gefolgt von metallischen Geräuschen, die verdächtig nach Messerwetzen klingen. Später kommen an- und abschwellende Klangflächen dazu, Marke Feuerwehrsirene.

Man muss kein Hellseher sein, um Ulrich Rasches «Ödipus» im Deutschen Theater Berlin ein unschönes Ende zu prophezeien. 

«König Ödipus» wird gerne unterschätzt. Sophokles’ Tragödie ist nicht so geschlossen und selbsterklärend, wie sie scheint. Die Geschichte des Thebaner-Königs, der während einer Pest-Epidemie bei eiligen Nachforschungen auf die schlimmsten Familienverbrechen – Vatermord, Inzest – stößt und stürzt, ist zwar äußerlich ein makellos gestrickter Recherche-Krimi, der erfolgreich alle dunklen Stellen aufdeckt. Doch die eigentlichen Fragen ließ der Autor geschickt changieren. Wenn man dem Orakel der Götter nicht ...

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Theater heute November 2021
Rubrik: Aufführungen, Seite 14
von Franz Wille

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